Berlin - Es ist nicht so, dass das Team von Radio Briest die Nachrichten mit Absicht ausfallen lässt. Sie werden sogar angekündigt, kurz nach dem Jingle des vermutlich letztverbliebenen Werbekunden (ein Hefeprodukt: „Kneten, backen, lachen, Freude machen!“). Aber dann hat keiner die aktuellen Meldungen parat. Große Not!

Ein paar hektische Blicke, unsystematisches Kramen in den Ablagen, dann ein vielgebraucht wirkender Papierstapel, mit dem  die Assistentin herbeieilt, leider stolpert, so dass die Papiere durcheinander wirbeln.  Also an Einsatz hat es nicht gefehlt, aber selbiger wurde so gründlich verpasst, dass der amtierende Sprecher souverän das Programm fortsetzt: „Die Nachrichten fallen aus, wir übertragen stattdessen eine neue Folge von...“, er hebt die Stimme, feuert eine ganze Batterie von Erkennungsmelodien ab und lässt dann die Spannung raus: „...Effi Briest“.

Die Nachrichten fallen aus − ein Theatertraum

Und das tun sie dann auch: Erzählen mit verschiedenen Mitteln, mit herrlichen Texten, schönsten Popsongs in den verblüffendsten Arrangements. Es gibt einen Monolog von Effi, die mit ihrem Schicksal hadert, nachdem ihr Mann den längst abgelegten Geliebten erschießt, da kommen auch dem Mann am Mikrofon die Tränen. Und dennoch gibt er eine aktuelle Verkehrsmeldung durch, um sofort zurück ins Melodram zu finden. Das dann doch.

Die Nachrichten fallen aus − ein Theatertraum. Zumal wenn eine derart liebevolle, lustige, vielschichtige Radioshow folgt wie die von Clemens Sienknecht und Barbara Bürk für das Hamburger Schauspielhaus inszenierte. Dieses Sinn- und Singspiel ging als letztes eingeladenes Gastspiel des Theatertreffens über die Bühne. Es stimmt nicht nur milde, sondern gibt eine schöne von vielen möglichen Antworten darauf, wie das Theater auf die Wirklichkeit reagieren soll. Zumal, wenn diese Wirklichkeit mit störenden, verunsichernden, vom Theater ablenkenden Ereignissen aufwartet, wie sie es eigentlich immer, aber besonders in heutiger Zeit tut.

Wie gesagt, das ist nur eine Antwort, die das Theater auf die Realität geben kann. Die Jury des Theatertreffens hat zehn Inszenierungen eingeladen − und alle antworten anders, auch indem sie Fragen stellen, ihre Suche vorführen oder eben die Antwort verweigern.

Ausdrückliche Statements zur aktuellen Lage

Die einen jagen in Entlarvungsabsicht rassistische Klischees über die Bühne, wie bei der umstrittenen Eröffnungsinszenierung „Schiff der Träume“ von Karin Baier. Sehr dezidiert geht auch Hans-Werner Kroesinger mit seinem Heimatkundeprojekt „Stolpersteine Staatstheater“ vor, indem er den Bogen vom Schicksal der jüdischen Künstler in Karlsruhe während der Nazizeit zu den heutigen Fremdenfeinden von Pegida und AfD spannt.

Stefan Pucher betreibt mit seiner, von Dietmar Dath in die nahe Zukunft verlegten „Volksfeind“-Variation leicht abgegriffene, aber nicht unzutreffende Medien- und  Neoliberalismuskritik. „Tyrannis“ von Ersan Mondtag lässt die Diktatur der bürgerlichen Gewohnheit aufbrechen, als eine dunkelhäutige Fremde auftaucht. Yael Ronens „The Situation“ macht das Theater zum Austragungsort des Nahostkonflikts, mit zugespitzten, durch die Schauspieler-Biografien beglaubigten Dialogen statt mit Waffen. Lauter ausdrückliche Statements zur aktuellen Lage.

Genauso viele Gastspiele gehen mit Gegengiften auf die Realität los. Da ist, neben „Effi“, das von Simon Stone inszenierte Wuttke-Minichmayr-Schauspielerfest „John Gabriel Borkman“, die psychorealistische Dramatisierung „Väter und Söhne“ von Daniela Löffner und Anna-Sophie Mahlers musikalische Bierbichler-Verfeinerung „Mittelreich“. Selbst der Sinnverweigerer Herbert Fritsch mit seiner „der die mann“-Collage aus Konrad-Bayer-Texten antwortet auf die Wirklichkeit:  mit einem virtuosen Kunstschwall, der einen taumeln lässt vor Glück.

Was ist ein Leben ohne Theater?

Es geht im Theater nicht darum, Pause zu machen vor den Anforderungen der Realität − dazu eignen sich andere Verrichtungen viel besser − sondern es geht darum, sein Denken, sein Singen und sein Spielen nicht dem Diktat der Realität zu unterwerfen, sich Räume und Gelegenheiten zu schaffen für ein Bewusstsein außerhalb der Machtbefugnisse des amtierenden Seins. Theater − ob im Festspielhaus oder im alltäglichen Rollenspiel der Kommunikation − ist schon dadurch politisch, dass es einen Abstand zur Gegenwart erlaubt. Schauen ohne Abstand  ist Blindheit. Und ein Leben ohne Theater ist Notdurft.