Jakob Lass gehört zu jener Gruppe junger deutscher Regisseure, an der sich – unabhängig von der Qualität der einzelnen Filme – immer auch der Stand des nachwachsenden deutschen Kinos abmessen lässt. 2014 sorgte sein Film „Love Steaks“ für Aufsehen; in diesem Film hatte Franz Rogowski, mittlerweile zu einer Art Superstar aufgestiegen, einen zukunftsweisenden Auftritt. Auf der Berlinale 2017 präsentierte Lass seine mit zweckentfremdeten Polizeiuniformen vollgestopfte Baseballschlägervermöbelungsfantasie „Tiger Girl“.

Jetzt kommt Lass' neuester Film ins Kino – „So was von da“ − der auf dem gleichnamigen Kiezroman von Tino Hanekamp beruht. Und auch wenn hier keine zeitlupengeschwungenen Baseballschläger Mercedes-Rückspiegel von in Mitte geparkten Karossen dreschen, so ist doch das Zerstörungsniveau in diesem Film ähnlich hoch. Vor allem das Selbstzerstörungsniveau.

Mehr als verlorene Ganzheit

Jahreswechsel in St. Pauli: Etwa 20 Meter von Oskars Schlafzimmerfenster entfernt, rauscht die Regionalbahn vorbei. Oskar (Niklas Bruhn) wacht auf, verkatert wie immer. Der Kiezkalle tritt seine Türe ein und will Geld. Der Kiezkalle trägt eine große, unheilvolle Sonnenbrille und spricht ein breites Hamburgerisch. Oskar verpflichtet sich – was soll er sonst tun? – das Geld, das er ihm schuldet, aufzutreiben. Seine Seele sei so kaputt wie die Tür, meint er kurz darauf aus dem Off nuschelnd. Und tatsächlich ist „So was von da“ wohl in erster Linie ein Film über Kaputtheiten: die Kaputtheit der Seele, die der Tür und sogar die dieses Films selbst.

Mit Kaputtheit – das sollte man gleich dazu sagen – ist allerdings nicht eine verlorene Ganzheit gemeint. Kaputtheit ist ein Zustand eigenen Rechts; ein positiver Zustand, könnte man sagen: die Kaputtheit des Katers zu Beispiel. Ein bisschen hat man das Gefühl, der Kater folge nicht einfach nur auf die Party, sondern die Party feiere man, damit ein Kater folgen könne. „So was von da“, der schon mit Kopfschmerzen beginnt, ist die filmische Produktion eines Katers. Das geschieht ungefähr so: Oskar betreibt einen Livemusik-Club, durch den bald die städtische Abrissbirne donnern soll. Vorher aber wird dort ein letztes Mal Silvester gefeiert. Sein Kumpel Rocky (Mathias Bloech) wird mit seiner Band spielen und vielleicht schneit, so Oskars große Hoffnung, auch Mathilda, Oskars große Liebe, vorbei.

Fahrstuhl auch kaputt

Rockys Mama ist die Innensenatorin der Stadt (Corinna Harfouch, wer sonst?); auch sie wird kommen, was wiederum niemand will. Trotzdem: immer noch besser als der Kiezkalle, gegen den sich im Übrigen schon die Antifa in Stellung bringt. Rockys Mama bleibt im Aufzug stecken, weil der kaputt geht, aber da kann man dann auch nichts machen, außer fluchen – über die Kaputtheit des Aufzugs. Währenddessen sind die Hauptfiguren mitsamt der Partybelegschaft damit beschäftigt, ihre Kater herzustellen.

Koksen und Kotzen und Krebs. Nina (Martina Schöne-Radunski) hat einen Hirntumor, das erzählt sie Oskar in dieser Nacht, in der sich ohnehin schon alles in der Kaputtwerdung befindet. Sie erzählt es ihm in seinem Büro, in dem es aussieht wie sau, also wie in Oskars Gehirn. Darauf folgt eine verdrogte Traumsequenz, in der Oskar diesen Tumor aus Ninas Kopf fingert und ihr zur Begutachtung in die Hände legt. Es ist die Szene, in der „So was von da“ am deutlichsten zu sich selbst findet; die rauschigste Szene des Films.

Keine Reperaturen

Der Tumor macht das Gehirn kaputt; aber der springende Punkt dieser Sequenz ist eben gar nicht das Gehirn, dem man, um es vor der Kaputtwerdung zu bewahren, das Geschwür entnimmt, sondern der Tumor, der Kaputtmacher selbst, den man freilegt, um ihn sich anzuschauen. Hier sieht sich dieser Film selbst in seinen metastasierenden Urgrund: ein Kino, in dem es aussieht wie sau.

Und ein Kino, in dem es schon lange nicht mehr darum geht, in die Kaputtheiten der Welt, oder die einer Generation hineinzuforschen, um die Bruchstellen zu ertasten, die der Reparatur bedürfen, sondern ein Kino, das – längst von solchen saniererischen Ideen und Idealen getrennt; und hier kann man mal von Avantgarde sprechen – bereits damit beschäftigt ist, sich in diesen Kaputtheiten zu orientieren.

So was von da Deutschland 2018, Regie: und Drehbuch: Jakob Lass, Darsteller: Niklas Bruhn, Martina Schöne-Radunski, Corinna Harfouch, Tinka Fürst, Bela B., Kalle Schwensen u. a.; 100 Minuten; FSK ab 12