Eine schöne junge Frau in Lara-Croft-Anmutung stürmt die Redaktionsräume einer großen Boulevardzeitung, metzelt cool die dort anwesenden Journalisten nieder und sprengt den Laden schließlich in die Luft. Es ist ein explosiver Auftakt, den Sönke Wortmann für seine Verfilmung des fiktionalisierten autobiografischen Erfolgsromans „Schoßgebete“ von Charlotte Roche gewählt hat.

Der Film beginnt als ansehnliche Rachephantasie. In ihr ist all die Wut aufgehoben, den die Bestsellerautorin gegenüber den Boulevardmedien empfindet. Tatsächlich hatte ja das im Buch „Druck“-Zeitung genannte Medium den schrecklichen Unfalltod ihrer Brüder, die sich auf dem Weg nach London zu Charlottes Roches Hochzeit befanden, als Sensationsereignis ausgeschlachtet. Insbesondere die Abbildung des schrecklichen Unfallorts haben den Hass sowohl der Autorin als jetzt auch der Filmheldin Elizabeth – die Grenze zwischen beiden bleibt unscharf – provoziert.

Als bedingungslos liebende Mutter, die ihrer Tochter die nächtlichen Ängste zu nehmen versucht, als Bewohnerin eines eleganten Bauhaus-Bungalows, als Dauerpatientin bei ihrer Therapeutin, als wöchentlich beim Notar ihr Testament ändernde 33-Jährige, als Vegetarierin, als von Panikattacken und Schuldgefühlen getriebene und in Rückblenden als glückliche, große Schwester wird uns Elizabeth hernach in schneller Folge gezeigt. Elizabeths Selbstdiagnose „Mein Mann hat einen Scherbenhaufen geheiratet“, ist nicht zu widersprechen.

Gemeinsam Pornofilme gucken

Allein beim Sex kann die traumatisierte Neurotikerin vergessen und entspannen, weshalb Elizabeth und ihr potenter Mann Georg diesen gern und ausgiebig pflegen.

Sie schauen gemeinsam Pornofilme, diskutieren beim Dildo-Kauf für Georg im Sex-Shop die richtige Größe. Und immer wieder lässt sich Elizabeth auf gemeinsame Besuche im Bordell ein, auch wenn ihr Alice Schwarzers Stimme, nicht alles zu tun, was ein Mann will, dabei nicht aus dem Kopf gehen will.

Großer Schwanz und dickes Konto

Aber der Erhalt ihrer Ehe ist offensichtlich zum Lebenszweck geworden, und Elizabeth ist überzeugt, dass Sex nun mal ein existenzieller Bestandteil jeder Liebesbeziehung ist. Das gilt um so mehr für die Beziehung zu ihrem Ehegatten Georg, dessen großer Schwanz und dickes Konto zumindest zwischen den Therapiesitzungen für Elizabeths entspanntes Selbstbewusstsein sorgen.

Wie viel Bitterkeit dieser Sexfixierung auch zu Grunde liegen könnte, wird von Sönke Wortmann und dem Drehbuchautor Oliver Berben nur ein einziges Mal ins Spiel gebracht, als Elizabeth in den Tagen nach dem Unfall ein letztes Mal mit ihrem damaligen Freund vögelt: „Auf den toten Gräbern meiner Geschwister, fick ich mich ins Leben zurück.“

Will ich das jetzt wirklich alles hören und sehen?

Welche seelischen Störungen dies bei der Tochter dereinst auslösen könnte, die als Folge diesen Beischlafs geboren wurde, möchte man sich eigentlich nicht vorstellen.

Überhaupt fragt man sich beim Zuschauen immer wieder: Will ich das jetzt wirklich alles hören und sehen? Mit dem Wissen um den tragischen, wahren Hintergrund des Films fühlt man sich immer wieder zum Voyeurismus gedrängt. So nachvollziehbar es ist, dass der Heldin die Bilder vom Unfalltod ihrer Geschwister, den die Mutter mit fürchterlichen Verletzungen und Verbrennungen überlebt, nie mehr aus dem Kopf gehen werden, dass sie immerfort die letzten Lebensminuten ihrer Geschwister imaginieren wird, so wenig möchte man diese Situation in seiner Actionlastigkeit gezeigt bekommen.

Am Bett der schwerkranken Mutter

Kaum erträglich auf eindringliche Weise ist dagegen eine sehr stille Szene, in der Elizabeth auf der Intensivstation am Bett ihrer schwerstverletzten Mutter sitzt, die noch nicht weiß, dass ihre Kinder tot sind. Dass es diese berührenden Momente gibt, die Elizabeth zu einer über sich hinausweisenden Figur machen, ist ohne Frage das Verdienst von Lavinia Wilson. Die Schauspielerin verhilft Elizabeth zu einer Intensität und Glaubwürdigkeit, die der zwischen beißender Komik, Ironie, Action und Tragik unentschieden hin- und herlavierende Film verfehlt.