Jelena, 30: „Lieber Herr Lenné, mein Freund kifft jeden (wirklich jeden!) Abend und ist dann entweder aggressiv oder nicht mehr ansprechbar. Ich habe versucht, mit ihm drüber zu sprechen. Doch er weigert sich, eine Therapie zu machen. Soll ich mich von ihm trennen?“

Liebe Jelena, das klingt sehr anstrengend. Dein Freund scheint, so wie du ihn beschreibst, ein echtes Suchtproblem zu haben. Für die Antwort auf deine Frage, ob du dich von ihm trennen sollst, gibt es eine Handvoll Kriterien. Meine erste Frage an dich ist: Warum bist du noch mit ihm zusammen?

Wahrscheinlich wirst du sagen, weil du ihn liebst. Nun hat die Liebe viele Schichten. Die unsteteste und im besten Fall tragendste ist der Wunsch und das Wissen, mit jemanden das Leben zu teilen, verbunden zu sein und zu jemandem dazuzugehören. Zu jemanden oder einer Gruppe dazuzugehören war viele Tausend Jahre für uns Menschen überlebenswichtig. Ausgestoßen zu sein bedeutete den Tod. Das erklärt ein Stück weit, warum viele Menschen in Beziehungen bleiben, die ihnen gar nicht guttun. Viele geschlagene und gequälte Frauen gehen aus diesem Grund aus den Frauenhäusern wieder zurück zu ihren gewalttätigen Partnern.

Er muss sich das Problem selbst eingestehen

Die Frage, die daraus für dich folgt, ist, ob du bleibst, weil du dir im Moment nichts Besseres vorstellen kannst. Wie viel bist du bereit, für den Erhalt dieser Beziehung von dir aufzugeben? Und wie viel bekommst du zurück? Wenn ihr schon länger zusammen seid, auf jeden Fall mindestens drei Jahre, dann gibt es vielleicht wirklich eine tiefe Bedeutung füreinander und es macht Sinn, weiter an ihm „rumzuzuppeln“, um mit ihm in ein Gespräch über seine Kifferei und deine daraus folgende Einsamkeit zu kommen.

Vor einer Therapie steht für ihn jedoch zuerst der Schritt, sich sein Drogenproblem selbst einzugestehen. Dabei kannst du ihn sicher unterstützen, entweder indem er anfängt, mit dir darüber zu sprechen und sich von dir angenommen fühlt, um dann seinen Weg zurück zu einem gesunden Drogengenuss zu finden. Oder indem du ihn verlässt und er dadurch vielleicht „den Gong“ hört. Bei Alkoholkranken z. B. beginnt die Entwicklung raus aus der Abhängigkeit leider oft erst, wenn die Frau gegangen, der Führerschein ohne MPU nicht mehr zu haben und der dritte Arbeitsplatz verloren ist. Du bist 30 Jahre alt und damit in einem Alter, in dem die meisten Menschen anfangen, sich familiär niederzulassen. Die Überwindung einer Suchterkrankung ist ein anstrengendes Stück Arbeit und braucht seine Zeit. Liebst du ihn doll genug dafür?