Man kann sich dieses zweite Soloalbum Jeff Tweedys als Platte zum Buch vorstellen. Mit 51 schien dem Frontmann der Countryrocker Wilco die Zeit reif, mit gebotener Mellowness und einer Spur Wehmut auf sein Leben zurückzublicken. „Let’s Go (So We Can Get Back)“ heißt seine erst kürzlich erschienene Autobiografie; und „Warm“ klingt wie der Soundtrack dazu. Wobei sich auf gewisse Weise natürlich das ganze Schaffen Tweedys nach einem anhört, der auszog, um heimzukehren.

In den 80er-Jahren hat Jeff Tweedy mit Jay Farrar die Neo-Countryband Uncle Tupelo gegründet, deren kommerzieller Erfolglosigkeit ein nicht unbeträchtlicher Einfluss auf die Alternative Countryszene gegenübersteht. Die Band löste sich 1994 indes vor jedem Durchbruch wegen handgreiflicher künstlerischer Differenzen auf, Farrar machte als Son Volt weiter, Tweedy wurde mit Wilco zum weltweiten Indiestar, die Band wird seit ihrem Hit „Yankee Hotel Foxtrot“ meist jährlich für die Grammys mindestens nominiert, gewonnen hat er je einen davon mit Wilco und als Produzent und Songschreiber des Mavis Staples-Albums „You Are Not Alone“.

Country mit Beulen

Im Kern beruht die Musik mit der Band auf der Country-Tradition eines Hank Williams und den pfiffigen Country-Rockern der Sechziger, Buffalo Springfield und den Byrds oder naturgemäß Neil Young und Bob Dylan, mit dem extraweiten Horizont von Alex Chiltons Big Star und seiner zärtlichen Ader für den britischen Pop der 60er-Jahre. Ein paar experimentelle Beulen und Brüche zeigten Tweedys Ambitionen, sich dem Genre nicht wehrlos zu überlassen.

Es ist hier ganz legitim, ausführlich über Wilco zu sprechen. Der Unterschied zwischen seiner Band und dieser Soloarbeit fällt eher akademisch dezent aus, die Tendenz seines ersten Solos aus dem letzten Jahr gibt den Ton an. Es enthielt ausschließlich akustische Versionen von Wilco-Songs. Hier nun bleibt eine Neigung zum vordergründig akustischen Song, aber er erweitert die Arrangements subtil und originell.

Mit „The Red Brick“ findet sich sogar ein geräuschig in Feedback ausufernder Song; im brüchigen „From Far Away“ legt er auf kurios stimmige Weise elektronisches Blubbern und Walgesangseffekte unter eine sacht gepickte akustische Gitarre und lässt ein paar interessante rasselnde Drums hineinstolpern. Und vom Power Pop von „Some Birds“ zum fast akustischen Titelstück scheint die fragile Kunstfertigkeit von Alex Chilton und Big Star durch.

Spur der Lieder

Mit anderen Worten reiht Tweedy hier Lieder aneinander, die sich auf jedem seiner letzten zwölf Alben gut gemacht hätten, mit winselnden Steelgitarren, schuffelnden Trommeln, schunkelnden Beats, spröden akustischen Momenten (selten hat man seine greise alte Martin-Gitarre aus den 30er-Jahren so ausgiebig gehört).

Von Beginn an lädt Tweedy dabei zur biografischen Interpretation ein: „I leave behind a trail of songs, from the darkest gloom to the brightest sun“, eröffnet er das Album, um sodann dieser Spur zu folgen.

In den Liner Notes hält der Schriftsteller George Saunders, immerhin Man-Booker-Preisträger 2017, fest, dass in Tweedys (und seinem) Alter, mit Anfang 50 also, der Tod keine abstrakte Größe mehr sei, die anderen Leuten zustößt, sondern „ein großer, gleichmütiger Zug, der gerade in diesem Moment aus einem Bahnhof abfährt, der in unbekannter, aber nicht endloser Entfernung liegt“.

Wieder aufstehen

Tweedy sei, meint Saunders, der große amerikanische Dichter des Trostes, und zum Beweis hören wir hier Lieder, die von persönlichen und den Krisen der Welt berichten, mit dem Tod seines Vaters im Hintergrund. Es geht um die Welterfahrung im Rock, die dunklen Drogenzeiten, die Tweedy in den Fängen von Schmerzmitteln verbrachte, um Publikumserwartung und darum, sich nicht aufzugeben: „I know what it’s like/ starting over again“, wie er in „How Hard It Is for a Desert to Die“ singt.

Der Titel ist Programm. Darin, in der Wärme, der Empathie, dem Trost und der Freude, liegt wohl der Unterschied zu den Arbeiten mit der Band (oder dem Album, das er mit seinem Sohn Spener als Tweedy eingespielt hat). Er spielt und singt hier mit einem sehr introspektiven, mitunter intimen Tonfall, hinter dem noch die – für traditionsbewusste Americana – ungewöhnlichsten Soundideen zurücktreten und ihn nur leise bestärken. Für die Souveränität seiner Kunst spricht wiederum, wie einnehmend und berührend universell er diese hoch persönliche Angelegenheit gestaltet.

Jeff Tweedy − Warm (Warner)