„Meine Leichtigkeit, meine verrückten Ideen, werden für andere zum Problem“, behauptet sie im ersten Song „Startschuss“, und fährt fort: „Ich bin, wer ich bin, ich gehör da nicht hin!“ 

Wer Ende letzten Jahres die Auseinandersetzungen rings um die Band Silly verfolgt hat, könnte glatt auf die Idee kommen, hier werde abgerechnet. Denn Anna Loos hat zwölf Jahre lang bei Silly gesungen und dort nicht nur das schwere Erbe der 1996 verstorbenen Bandgründerin Tamara Danz angetreten, sondern auch den prägenden Stammtexter Werner Karma verdrängt. Ältere Silly-Freunde wandten sich vor allem nach dem letzten Album „Wutfänger“ ab, während Anna Loos jüngere Fans dazugewann. So ist die simple Ballade „Deine Stärken“, ein Stück, das Tamara Danz vermutlich nicht gesungen hätte, bei Spotify das meistabgerufene Stück. In diesem Jahr nun geht Silly mit den Gastsängerinnen Anna R und Jule Neigel auf Tournee, während Anna Loos ihr Solodebüt herausbringt.

Rette dich selbst

Doch eine verrückte „Schnapsidee“, die sie in „Startschuss“ besingt, ist das Album keineswegs. Schließlich besitzt Anna Loos, im Gegensatz zu dutzenden mindestens ebenso begabten Kolleginnen, als Ex-Silly-Sängerin, Schauspielerin und Gattin des populären Jan Josef Liefers eine mediale Omnipräsenz, die ihr und ihrem Album einen sicheren Weg in die Talkshows und Morgenmagazine verschafft.

Im Vorfeld hatte sie bereits drei Videos veröffentlicht, in denen sie mit einem gespensterhaften Look auffiel, der an Annie Lennox auf dem Cover ihres „Bare“-Albums erinnert − siehe auch das nebenstehende Foto. Die Songs trugen die Untertitel „Rette dich selbst“, „Sei du selbst“ und „Liebe dich selbst“, die auch das Mantra des Albums „Werkzeugkasten“ ergeben.

Immer wieder präsentiert sich Anna Loos in ihren Texten als eine, die gegen den Strom schwimmt – doch musikalisch bewegt sie sich in Mainstream-Gewässern. Ihr Produzent Mic Schroeder hat zuvor Musiker wie Joris, Glasperlenspiel, Unheilig und ihren Mann Jan Josef Liefers betreut und weiß, welche Songs ins Formatradio passen. Fast immer beginnen die Stücke mit einer langsameren, sachteren Gitarren- oder Klavierbegleitung, fast immer wird im Verlauf der dreieinhalb Minuten nach und nach der volle Werkzeugkasten ausgepackt, der meist mit schweren Streicherklängen endet. Eine Ausnahme von dieser Power-Balladen-Dramaturgie bietet immerhin die schmissige Berlin-Hymne „Hier“, das einzige Stück, das sich sofort einprägt. Anna Loos’ größte Stärke bleibt ihr Gesang, der eine große Bandbreite von zart-brüchig bis zu hymnisch-kraftvoll besitzt.

Vorbehaltlose Bestätigung

Mittelmäßig bleiben aber dagegen ihre Texte, bei denen sie gern mit vollem Anlauf offene Türen einrennt und von denen einige schon beim zweiten Hören nerven. So reimt sie: „Lass uns den Mut von Helden borgen, wir reißen endlich aus bis morgen, mach dir für heute keine Sorgen“. Auf die Klage „Ich muss doch funktionieren“ folgt unweigerlich die Frage: „Kannst du mich reparieren?“ Interessanterweise erzählt sie ihr persönlichstes Stück „Paris“, das von ihrem Fernweh und ihrer Flucht in den Westen erzählt, ausnahmsweise nicht in der „Ich“-Form. Doch von der Tiefe eines Silly-Textes wie „Die Ferne“ – „Die Ferne ist ein schöner Ort, doch wenn ich da bin, ist sie fort“ – bleibt sie weit entfernt. Während Silly in Zeiten von Tamara Danz sich selbst oft Fragen stellten, provozierten, verstörten, zielt Anna Loos auf die vorbehaltlose Bestätigung.

„Werkzeugkasten“ funktioniert wie ein Motivationskurs, der den Hörer, vorzugsweise die Hörerin, stärken soll. „Ich navigiere dich in deine Mitte“ betont sie im Stück „Deine Mitte“: „Wann immer du mich brauchst, dann bin ich hier.“ Der ältere Silly-Fan aber verspürt beim Hören eine unerwartete Leichtigkeit: Schön, dass das Album vermutlich viele Fans finden wird. Noch schöner, dass diese Lieder nicht bei Silly gelandet sind.

Anna Loos: Werkzeugkasten (Warner), Konzert: 25.3. im Lido