Darum geht es: Die genauest mögliche Beschreibung und Erforschung dessen, was sichtbar ist, was sich dem Betrachter darbietet. Figuren, Konstellationen, eine ganze Welt. Sich so an die Wirklichkeit heranpirschen, dass kein Rest an Differenz bleibt. Und auf Grund der Genauigkeit der Wahrnehmung ergibt sich dann ganz von selbst auch ein Verstehen des Nichtsichtbaren, der Motive, der Gefühle, des dunklen Hintergrunds.

So ungefähr, denkt man, müsste eine literarische Epoche gestrickt sein, die mit dem Begriff „Realismus" gekennzeichnet wird und sich ungefähr über die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts erstreckte. Theodor Fontane war einer ihrer markantesten Vertreter in Deutschland.

Der Schönste der Garnison

Ausgerechnet diese Epoche aber, die durchaus genau hinschaut, misstraut offensichtlich fundamental dem, was sie sieht, was ist. Fast jede Erzählung wird von einer Rahmenhandlung auf Distanz gehalten, die Höhepunkte und Erregungszustände, Intimität, Verführung, Tod und Freitod, werden oft ausgespart oder nur flüchtig skizziert. Sprünge und Auslassungen sind die Regel. Und oft herrscht ein sanft ironischer Tonfall, der für ein Misstrauen gegenüber dem steht, was zuvor endlos geschildert wurde. Fontanes Romane und Erzählungen in all ihrer Umständlichkeit und Weitschweifigkeit belegen diese Zerrissenheit zwischen Vertrauen uns Skepsis gegenüber den äußeren Daten und Erscheinungsformen.

Die dubiosen, schwankenden Heldinnen und Helden seiner Geschichten sprechen uns nicht direkt, sondern auf Umwegen an. Sie sind oft unzugänglich, wollen scheinbar gar nicht verstanden werden und kämpfen doch verzweifelt darum Teil einer Gesellschaft zu sein, die nur allzu gern aussortiert. Der Offizier des Regiments Gendarmes, Schach von Wuthenow, ist so einer. Fontane bezeichnet ihn als den „schönsten Offizier der damaligen Berliner Garnison".
Damalig, das heißt, die Geschichte vom Autor 1882 fertiggestellt, spielt um die vorausgegangene Jahrhundertwende in Preußen, noch selbstgewiss, nichts wissen wollend vom eigenen, nahenden Ende. Fontane schildert aber kein öffentliches Desaster, sondern eine private Tragödie.

Freitod in der Hochzeitsnacht

Schach verführt Victoire von Carayon, ein einstmals bildhübsches Mädchen aus besseren Kreisen, dem aber eine Blattern-Erkrankung die Schönheit raubte.
Der Konvention und dem Druck der Gesellschaft nachgebend heiraten die beiden, doch Schach erschießt sich in der Hochzeitsnacht, weil er den erwartbaren Hohn und Spott der Kameraden fürchtet, weil er diese Reaktion der Gesellschaft nicht erträgt. 

Abhängigkeit vom Urteil der anderen, Schönheitskult und unentwegte Selbstoptimierung, all das fällt einem heute dazu ein. Schach von Wuthenow „ist krankhaft abhängig, abhängig bis zur Schwäche vom Urteil anderer", so hatte Offizierskollege Alvensleben schon früh diagnostiziert. Und weiter: „Ich habe beispielsweise keinen Menschen kennengelernt, bei dem alles so ganz und gar auf das Ästhetische zurückzuführen wäre."

Die Gescheitheit des Redlichen

Das Ästhetische und das Gesellschaftliche scheinen unheilvoll verwoben. Auch Victoire hat ihn schnell durchschaut, kann aber nicht von ihm lassen: „Alles an ihm ist echt, auch seine steife Vornehmheit." Zur Geradlinigkeit kommt noch etwas anderes: „Er hat aber doch die beste Gescheitheit, die mittlere, dazu die des redlichen Mannes."

Diese mittleren Eigenschaften genügen schon in einem Umfeld, das von Standesdünkeln, ausgehöhlten Ehrbegriffen und der Fassadenhaftigkeit des Adelsstandes gekennzeichnet war. Fontane seziert ein auslaufendes Herrschaftsmodell sehr genau, ohne sich für die kommenden Machthaber, das Besitz- und Bildungsbürgertum erwärmen zu können.

Die Erklärung hinter der Erklärung

Jenseits der grauenhaften Unerbittlichkeit, mit der sich gesellschaftliche und gruppenspezifische Konventionen in unseren Köpfen festsetzen, jenseits dieser tödlichen Konsequenz fasziniert uns Fontanes bohrendes Verlangen, hinter jeder Erklärung noch weitere Erklärungen zu suchen, nicht zufrieden zu sein mit dem ersten und zweiten Verstehen.

Seine Erzählung endet dann auch mit zwei Briefen nach Schachs Freitod. Im ersten sinniert Schachs Antipode von Bülow über die falsche Ehre, den hohlen Dünkel der Armee, von dem „auf Treibsand aufgebauten Urteilen der Gesellschaft" und resümiert: „Wir werden an derselben Welt des Scheins zugrunde gehen, an der Schach zugrunde gegangen ist."

Ein Auftrag an die Leser

Schachs junge Witwe hingegen weiß, „dass ein Rest von Dunklem und Unaufgeklärtem bleibt, und in die letzten und geheimsten Triebfedern andrer oder auch unserer eigenen Handlungsweise hineinzublicken, ist uns versagt." Dennoch vermutet sie: „er sah ein beschränktes Leben vor sich und war, ich will nicht sagen auf ein großes gestellt, aber doch auf ein solches, das ihm als groß erschien." Fontanes grandiose Fähigkeit liegt gerade in dem, was man ihm oft vorwirft, sein verzweigtes Argumentieren, das suchend Umständliche seiner Erklärungsversuche. Der oft ironische Unterton ist ein Auftrag an die Leser, den er sich auch als Suchenden und nicht als Antwortenden wünscht.

Der Mensch ist eben eine Naturkatastrophe. Und gerade weil man ihn nie ganz verstehen kann, muss man an dem, was man begreifen kann, unablässig arbeiten.