Zu Beginn sehen wir eine der wenigen Spielszenen von „Sommerfahrt“: den Aufbau eines schwarzen Zeltes im Grünen. Die sogenannte Kohte wurde in den 1930ern mit der deutschen Jugendbewegung populär und war beim AKO Pro Scouting der bevorzugte Zelttyp.

In dieser Pfadfindergruppe, die von 1981 bis 2010 zum umfangreichen Freizeitangebot des Bonner Gymnasiums Aloisiuskolleg gehörte, verbrachte der Dokumentarfilmer Gereon Wetzel den prägendsten Teil seiner Jugend. Für seinen neuesten Film hat er nun alte Weggefährten vor die Kamera geholt, um der Frage nachzugehen: Wie blicken wir heute auf die Zeit beim Scouting und auf den damaligen Leiter unserer Gruppe? Warum haben wir Dinge mitgemacht, die wir schon damals unangenehm fanden? Warum haben wir einander nicht geholfen?

Mobbing und Grenzüberschreitungen

Der Film ist sehr ruhig gehalten und wirkt ohne jede kalkulierte Emotionalisierung. Größtenteils besteht er aus den Aussagen und Reflexionen von fünf ehemaligen Scouterinnen und Scoutern, die jeweils einzeln mit Wetzel sprechen. Der Filmemacher hält sich meist im Hintergrund, nur manchmal stellt er Fragen oder sitzt mit einem Scouterfreund vor einem Diaprojektor und klickt sich durch Aufnahmen aus den späten 1980ern: Zeltlager und Sommerfahrten, Feuer machen, Kohten und Jurten errichten, die Himmelsrichtung bestimmen, Bögen bauen, Spuren lesen – was Pfadfinder eben so machen.

Der damalige Leiter ist auf den Fotos unkenntlich gemacht. Wetzel hat ihm eine damals beim Scouting gebastelte Sonnenmaske aufgesetzt, um auf den schwarzen Balken vor den Augen verzichten zu können, der ihm zufolge zu sehr an Boulevard und Skandal denken lässt. Dabei ist das, was die nun Erwachsenen zu berichten wissen, in der Zusammenschau durchaus skandalös. Einer von ihnen wäre auf dem Rückweg von einer Marokkofahrt fast gestorben. Erst im Rückblick wundert er sich über die damalige Sorglosigkeit. Ein anderer Ehemaliger wirft dem damaligen Leiter wiederholte sexuelle Übergriffe vor. Andere berichten von Mobbing und Grenzüberschreitungen.

Körperliche, sexuelle und psychische Gewalt gegen Kinder und Jugendliche

Immer wieder zeigt sich in der ruhigen, intimen Gesprächsatmosphäre die Verblüffung der Sprechenden: Ist das wirklich passiert? Wieso haben wir das nicht mitbekommen? Und wieso haben wir nichts getan, wenn wir es mitbekommen haben?

Wetzel gehört zum gleichen Jahrgang des Bonner Aloisiuskollegs wie ich. Er weiß, dass ich seit 2010 Mitglied im Eckigen Tisch bin, einem gemeinnützigen Verein, der die Interessen von Betroffenen sexueller Gewalt im Kontext der katholischen Kirche vertritt. Deshalb bat er mich um eine frühe Sichtung des Dokumentarfilms, der in einem breiteren Kontext steht: Das von Jesuiten geführte Aloisiuskolleg beschäftigte in den letzten sechs Jahrzehnten etliche Menschen, die körperliche, sexuelle und psychische Gewalt gegen Kinder und Jugendliche verübten, meist ohne deswegen irgendwelche Konsequenzen erlebt zu haben.

Fachwissen aus jahrzehntelanger Theorie und Praxis

Dokumentiert sind viele der Übergriffe im über 200 Seiten umfassenden Bericht des Teams um die Juristin Julia Zinsmeister aus dem Jahr 2011. Diesem ging 2010 ein Bericht von Ursula Raue voraus, einer Rechtsanwältin, die vorher jahrelang mit dem Jesuitenorden zusammengearbeitet hatte, um Missbrauchsvorwürfe „intern“ zu regeln, und nun dafür kritisiert wurde.

Ein dritter Bericht wurde 2013 von Arnfried Bintig, einem emeritierten Professor für Klinische und Rechtspsychologie, speziell zu den „Grenzverletzungen im AKO Pro Scouting“ veröffentlicht. Bintig, der während seiner Berufslaufbahn mit etlichen Sexualstraftätern konfrontiert wurde, kommt in „Sommerfahrt“ mehrmals zu Wort. Gelassen unterfüttert er die Auseinandersetzung um Strukturen und Motive, Schuld und Verdrängung mit Fachwissen aus jahrzehntelanger Theorie und Praxis.

Fragen, die universell sind

Zurückhaltung ist das prägende Stilmittel des Films. Die Zuschauer müssen sich auf das langsame Tempo und die geringen Schauwerte einstellen. Auch die Musik, die Markus Acher (The Notwist) unter dem Namen „Rayon“ für den Film „Libanon“ komponiert und eingespielt hat, wird so sparsam wie geschmackvoll eingesetzt.

Zunächst ist auch nicht klar, was genau die ehemaligen Scouter dazu bringt, 30 Jahre später noch einmal über die Gruppe und ihren Gehorsam gegenüber dem eigenwilligen Leiter zu sprechen. So braucht es eine Weile, bis die Relevanz des Dokumentarfilms deutlich wird.

Ein Risiko, das Wetzel bewusst eingeht, um die Zuschauer quasi mit in den Kreis der Ehemaligen zu setzen, die auch erst nach und nach das Ausmaß begreifen, vor allem dadurch, dass sie die Äußerungen der anderen vorgespielt bekommen. Angebliche Einzelschicksale ergeben in der Zusammenschau ein System und werfen Fragen auf, die letztlich universell sind.

Wieso lässt sich ein Mensch von einem Autokraten missbrauchen?

Warum unterwerfen sich Mehrheiten immer wieder den Vorstellungen eines kleinen Kreises, obwohl es zu ihrem Schaden ist? Sind unser Problem vor allem die Machtmenschen oder nicht noch mehr das geblendete Gehorchen der Vielen? Um das wohl finsterste Beispiel der deutschen Geschichte anzuführen: Wie konnten die Deutschen zulassen, dass sich ein psychisch kranker Verschwörungsfantast unterstützt von einer skrupellosen Bande erfolgreich zum Führer eines angeblich tausendjährigen Reiches ausrief?

Wieso widersetzten sich so wenige, als die Reden immer menschenverachtender und ein viele Länder verwüstender Krieg immer greifbarer wurden? Wieso lassen sich ganze Nationen immer wieder von selbstherrlichen Autokraten, fundamentalistischen Diktatoren, Lügnern, Kriminellen und Größenwahnsinnigen für deren Zwecke missbrauchen?

Die Folgen von Machtmissbrauch

Mögliche Antworten sind: Die kleinen Kreise haben einen Plan, die Mehrheit nicht. Und sie setzen ihn in kleinen Schritten um, verschieben die Grenzen nach und nach. Die kleinen Kreise sind bereit, Gewalt anzuwenden, vor der sich die Mehrheit fürchtet. Und schließlich: Die kleinen Kreise ködern die Vielen mit einer wundervollen Erzählung von Bedeutung und Macht. Das Versprechen lautet: Wenn ihr uns folgt, werdet ihr Teil von etwas wirklich Großem. Das gilt vor allem für Kinder und Jugendliche. Gerade sie suchen Orientierung und Bestätigung durch Erwachsene.

Die Mechanismen, in denen Machtmissbrauch zur Fürsorge verklärt wird, lassen sich auch in kleinen Gruppen beobachten, dort sogar besonders gut. „Sommerfahrt – Zeit heilt keine Wunden“ ist ein gelungenes Beispiel für eine solche immer wieder bitter nötige Beobachtung.

Dokumentarfilm: „Sommerfahrt – Zeit heilt keine Wunden“ von Gereon Wetzel (84 Minuten), WDR, 1. Juni 2022 um 23 Uhr und ab dann in der ARD-Mediathek.