Sommerkonzert in der Waldbühne: Sir Simon Rattle und Philharmoniker sorgen für gute Laune

Das Wichtigste zuerst: Das Wetter war gut. Kein Regentropfen, angenehme Kühle, eine Ahnung von Sonnenuntergang. Das Zweitwichtigste: die Philharmoniker spielten und Lang Lang war da. In diesem Jahr verabschiedete sich das Orchester mit Filmmusik in die Sommerpause, wobei Sir Simon Rattle die Expedition in diesen populären, für das Ensemble jedoch eher fremden Bereich höchstpersönlich anführte – und zwar sehr freudvoll und energisch. Tatsächlich passt Rattles kraftstrotzender, klanglich recht massiver Stil sehr gut zur Musik dieses Abends, was schon gleich zu Beginn bei einem der kürzesten, pointiertesten, erhebenden Meisterwerke der Musikgeschichte zum Ausdruck kam: der 20th Century Fox Fanfare, die noch jeden griesgrämigen Kinogänger in helle Vorfreude versetzt hat.

Abwürgungen

Die Fanfare knallte schön, vielleicht interpretierte Simon Rattle das große Schluss-Ritardando ein wenig zu breit, lotete ein wenig zu tief in die tragischen Abgründe unter der sich so heroisch und sorglos gebenden Oberfläche hinunter, so dass der Abend zugleich gestartet und abgewürgt erschien. Das Abwürgen zwischen den Stücken übernahm fürderhin die Frau vom Fernsehen, die die Zuschauer an den Geräten zu Hause offenbar mit sehr ausführlichen Informationen versorgte, während im Waldbühnen-Rund nur grummelnd gewartet wurde. Die Zeit konnte man sich jedoch mit der Frage vertreiben, ob der schwarz-weiß gemusterte Mantel der TV-Frau vom Fell eines Zebras oder eines Dalmatiners inspiriert war.

Es folgte Musik zu Lewis Milestones „Meuterei auf der Bounty“ von 1962, komponiert von Bronislau Kaper, der als Bronisław Kaper in Warschau geboren wurde. Ein bedeutsamer Nebenaspekt dieses Konzertes: Es ist auch ein Abend der Vertriebenen, die nach der Flucht aus Nazi-Deutschland in Hollywood ihr Auskommen fanden. Kaper floh 1935 über Frankreich in die USA; Erich Wolfgang Korngold, dessen Robin-Hood-Filmmusik in der Waldbühne gespielt wurde, emigrierte 1934 aus Österreich nach Kalifornien; der Ungar Miklós Rózsa, Komponist der Musik zum Sandalen-Film „Ben Hur“, floh 1940. Die Musiktraditionen ihrer Heimat nahmen sie mit, weshalb ein solches Filmmusik-Konzert immer auch eine anregende Erzählung über die Prägung des jeweiligen Komponisten ist: dass Korngolds Robin Hood etwa weniger im Sherwood Forest als im Wienerwald zu Hause ist; dass Kaper seine Bounty-Musik hörbar mit einer Prise Schostakowitsch abgeschmeckt hat.

In solche Umgebung passt das Klavierkonzert des großen norwegischen Filmmusikkomponisten Edvard Grieg nicht schlecht – relativ schamlos übernahm er ja von Schumann Tonart und Bauplan seines a-moll-Konzerts. Der Komponisten-Kollege Hugo Wolf schrieb nach Anhören des Werkes dann doch recht hart: „Dieses musik-ähnelnde Geräusch mag vielleicht gut genug sein, Brillenschlangen in Träume zu hüllen oder rhythmische Gefühle in abzurichtenden Bären zu erwecken – für den Konzertsaal taugt es nicht.“

Aber für die Waldbühne! Jedenfalls wenn der begnadete Musik-Aufbläher Lang Lang damit zugange ist. Wie er etwa die Kadenz im ersten Satz zum Kampf der Universen dramatisiert: Im geschlossenen Rahmen der Philharmonie wäre das geschmacklos. In der nicht ganz so geschmackssicheren Weite des Waldbühnen-Gigantismus ist es genau richtig. Dabei hilft auch eine Klangaussteuerung, die die Bässe derart athletisch wummern lässt, dass man am liebsten auf die Töne draufspringen würde wie auf ein Trampolin. Irgendwo draußen beim Müggelsee würde man wohl wieder landen. Um nicht ungerecht zu sein: Lang Lang spielte im langsamen zweiten Satz auch leise. So leise sogar, dass er gegen den brummenden Kühlschrank hinter Block C verlor.

Falls der chinesische Pianist nach seinem Auftritt das Konzert weiter verfolgt haben sollte, wird er sich sehr gefreut haben. Die Philharmoniker spielten nämlich bumm-krach-oink-pflatsch Scott Bradleys großartige Musik zu „Tom and Jerry“. Nach Auskunft des Pianisten gehörte es zu seinen prägenden Erlebnissen, als er im Alter von zwei Jahren im chinesischen Fernsehen die beiden Zeichentrickfiguren Liszts „Ungarische Rhapsodie Nr. 2“ spielen sah. Die Philharmoniker spielen die höllisch virtuose Musik mit diebischer Freude, zur klanglichen Verfeinerung wird hinten bei den Schlagzeugern Luftpolsterfolie zerknautscht und eine Porzellanschüssel zertrümmert. Lang Lang spielte keine Zugabe. Die Philharmoniker schon. Dreimal dürfen Sie raten.