Schlossambiente mit Leuchtschrift-Arbeit "Auge um Auge, Zahn um Zahn" von Via Lewandowsky
Foto: Rohkunstbau/Jan Brockhaus/V. Lewandowsky/VG BIldkunst Bonn 2020/

Berlin/Lieberose-Die Kunst-Landpartie gehört seit Jahren zum Sommer in der Mark Brandenburg. Noch nie aber hieß eine der Ausstellungen „Zärtlichkeit“. Mitten im Spreewald setzt nun eine solche Schau den Umgang von Mensch und Natur auf den Titel. Und nicht ganz nebenbei zeigt sich die zärtliche Macht der Kunst auch in eigener Sache. Denn das beliebte Kunstfestival, das im vergangenen Sommer sein 25. Jubiläum feiern wollte, musste damals wegen Absage des Sponsors abrupt ausfallen.

Nun, Hinfallen ist keine Schande, nur Liegenbleiben, das sagten sich trotzig die Festivalväter um Arvid Boellert, einen kunstliebenden Mediziner, und gründeten einen Verein, klaubten auch privat das nötige Geld zusammen. Der Landkreis Dahme-Spreewald, die Sparkasse, sogar die Regierung in Potsdam gaben etwas dazu.

Unterm Barock-Gewölbe die minimalistischen Skulpturen von Bettina Poussttchi
Foto: Rohkunstbau/Jan Brockhaus/B. Pousstchi/VG BIldkunst Bonn 2020

„Rohkunstbau“ lebt wieder. Der erklärungsbedürftige Name rührt daher, dass diese alljährliche Ausstellung 1994 von Medizinstudenten wie Boellert in einer LPG-Rohbauhalle in Groß Leuthen aus der Taufe gehoben wurde. In den Jahren darauf – außer eben 2019 – waren jeweils andere alte märkische Schlösser sommerliches Kunst-Domizil. Seitdem tourte das Festival, wie dereinst Caroline Neuber im 18. Jahrhundert mit ihrem Wander-Volkstheater, und machte Halt, wo immer man es willkommen hieß.

Foto: Rohkunstbau/Jan Brockhaus/J. Noguero/VG BIldkunst Bonn 2020

Das charmant-morbide Barockschloss im Spreewald-Städtchen Lieberose, einst Sitz derer von Schulenburg, ist für die Rohkunstbau-Akteure seit 2017 vertrautes Terrain. Genutzt wird das preußische Baudenkmal inmitten eines Landschaftsparks inzwischen als Bürgerzentrum. Jetzt haben es 22 Künstler bezogen, darunter solche, die sonst auf Weltausstellungen unterwegs sind. In nur drei Wochen richtete die Kuratorin Heike Fuhlbrügge die Ausstellung aus.

Im Schlosshof ist ein Sinnbild der Verbindung von Stärke und Fragilität gelandet. Die Skulptur der in Berlin lebenden Polin Alicja Kwade zeigt eine abstrakte Hand aus Granit, die einen Stahlzylinder hält: Tragen und Lasten, Schweben und Halten werden zum Balance-Symbol für eine faire Gesellschaft. Dann, im Foyer, geht es so witzig wie denkwürdig zu; hier hat der Berliner Bjørn Melhus einen Kicker-Tisch aufgestellt. Ein Paradox: 21 Spieler stehen gegen einen Torwart. Alle gegen einen. Einer gegen alle. Eine Parabel dafür, wie es in der Gesellschaft nie zugehen darf.

"Hannes" im Schloss, Gipsfigur von Karin Sander
Foto: Rohkunstbau/ Jan Brockhaus/ K.Sander/VG Bildkunst Bonn 2020

Im Ostflügel geht der Blick zu den Stuckresten mit mythologischen Szenen. Das 16. Jahrhundert grüßt herunter auf die kruden Skulpturen von Thomas Rentmeister und Via Lewandowsky. Letzterer hat eine Peitschenlampe, Made in der DDR, quer in den Saal gelegt, als wäre sie da hineingestürzt. Mit den Betonresten an der einstigen Verankerung sieht sie aus wie ein aus dem Erdreich gerissener Baum. Das Glas der Lampe scheint geschmolzen zu sein, ausgelaufen, erstarrt wie eine der zerlaufenden Uhren Dalís. Statement für das Ende einer Ära.

Solche Lampen wurden im Osten auch Stasilampen genannt, die Staatssicherheit hatte ihre Sitze oft auf abgelegenen alten Schlössern. Im Westflügel betreten wir das Bacchuszimmer mit einem Gewölbe aus üppigen Putten und weinseligen Göttern. Darunter hat Bettina Pousttchi ihre kaum den Boden berührenden Stahlskulpturen aufgestellt. Verkehrte Welt, unten scheint die Schwerkraft aufgehoben, und das mächtige Gewölbe – traditionell ja den Himmel andeutend – drückt nach unten. Die Kunst aber weiß sich zu wehren, etwa wenn sich Gregor Hildebrandts „Säule“ aus lauter Kuchenformen – wohl eine häusliche Referenz an Brancusi – fast bis an die Schlossdecke schraubt, wie ein Zeichen unendlicher Evolution.

Gregor Hildebrandts "Säule", eine Hommage an Brancusi
Foto: Rohkunstbau/Jan Brockhaus

Auch im Obergeschoss nimmt uns die Kunst der Gegenwart mit auf Zeitreise. Der Spanier José Noguero lässt die Wucht seiner vier an die Jahreszeiten erinnernden Gemälde zärtlich auf die morbiden Saalwände prallen. An die Wand am Ende eines langen Ganges hat die Japanerin Leiko Ikemura auf den Putz gemalt. Das Fresko ist eine zärtliche Lobpreisung des Lichts, das eine dunstige Traumlandschaft durchdringt. Fernöstliches trifft auf preußische Geschichte. Davor türmen sich Bruchstücke des alten Schlossparketts. Eine zufällige Installation: Vergänglichkeit und Melancholie treffen auf die Feier des Zärtlichen und Schönen.

Schloss Lieberose, 15868 Lieberose, Eröffnung am Samstag, 27. Juni, 12 Uhr. Bis 20. September, Sa+So 12/18 Uhr.

Weitere aktuelle Themen