Lysander und Helena (Hans-Jürgen Simon und Bianca Waechter) jagen einander durchs Unterholz der Liebesverwirrung.
Foto: Graziela Diez

BerlinDieses Freilufttheater in der Jungfernheide musste aus dem Dickicht freigeschnitten werden. Viele Jahre lag die Bühne und das Zuschauerpodest für über tausend Besucher im Dornröschenschlaf. Ein Großteil ist auch jetzt noch überwachsen. Man würde glatt dran vorbeispazieren, gerade jetzt, wo das Unterholz so schön im Saft steht. Armdicke Stämmchen wachsen zwischen den steinernen, mit verwitterten Holzsitzflächen ausgestatteten, im Halbkreis ansteigenden Sitzreihen.

Das Theater Aufbruch, das jährlich drei Inszenierungen mit Gefängnisinsassen in Justizvollzugsanstalten herausbringt, realisiert zusätzlich in jedem Sommer eine Open-Air-Produktion mit Freigängern, Gelockerten, Ex-Häftlingen und Schauspielern. Bereits vor zwei Jahren haben sie das überwucherte Amphitheater entdeckt, es dauerte lange, bis alle Genehmigungen eingeholt waren.

Die Schnittarbeiten mussten im März schon erledigt sein, um keine brütenden Vögel zu stören. Und noch am Dienstag, kurz vor der Pressevoraufführung am Vorabend der Premiere, wurde mit aufwändigen Rangiermanövern ein Feuerwehrzug zwischen den Bäumen positioniert, um vorschriftsmäßig den Brandschutz für Theaterveranstaltungen zu gewährleisten. Reine Nervensache.

Regeln und Triebe

Im Erfüllen behördlicher Auflagen sind die Aufbruch-Leute, die sich bei der Arbeit mit den Gefangenen den strengen Regeln des Justizvollzugs unterwerfen müssen, natürlich geübt. Da ist Corona nur ein weiteres Thema von vielen. Man sitzt sehr locker verstreut auf den Bänken, die bis zu 70 Gäste müssen Mund-Nasen-Schutz tragen, bis sie ihre Plätze eingenommen haben, und wenn man sich etwas von dem freundlicherweise bereitgestellten Mückenspray (sehr zu empfehlen) in den Nacken schmieren will, muss man sich vorher die Hände desinfizieren. Die Platzreduzierung ist ein ziemlicher Jammer, denn die Nachfrage nach Eintrittskarten ist sehr groß, sie waren nach 48 Stunden ausverkauft.

Hier ist ganz schön viel von den Bedingungen und der Anlage dieser Theaterveranstaltung die Rede, aber die spielen auch künstlerisch eine Rolle. Schließlich wurde auch das Bühnenbild von Holger Syrbe vor allem mit der Heckenschere angefertigt, was ausgesprochen passend ist, denn gegeben wird Shakespeares „Sommernachtstraum“, der zu großen Teilen im Wald spielt.

Das klug strukturierte Buschwerk erlaubt schöne Auftritte und Abgänge, und zwei Wachtürme sowie ein verstecktes Podest ermöglichen dem Elfenkönig Oberon (Frank Zimmermann) und seinem Diener Puck (Para Kiala) den nötigen Überblick, wenn sich die ohnehin schon liebesverwirrte Athener Jugend nachjagt und durch den Einsatz von Liebestränken, die eigentlich Harmonie in die Sache bringen sollten, vollends den Verstand verliert. Es handelt sich um eben jenes Aphrodisiakum, mit dem Oberon die kühle Elfenkönigin Titania (Massimiliano Baß) gefügig machen will, indem er sie einen Esel, den verwandelten Handwerker und Laienspieler Zettel (Mathis Koellmann), lieben lässt. Eigentlich eine ausgemachte Sauerei, die am Ende wie zum Hohn unserer politisch korrekten Vorbehalte gut ausgeht.

Weil drei Viertel der Beteiligten einen Gefängnishintergrund haben, liegt ein Augenmerk auf dem von Shakespeare dramaturgisch arg strapazierten bewusstseinsverändernden Stoff, der als weißes Pulver in szenetypischen Zippertütchen seine Runden macht. Dazu gibt es einen Chorprolog über das Dealen aus dem Bernard-Marie-Koltès-Stück „In der Einsamkeit der Baumwollfelder“.

Sitten und Leidenschaften

Es ist eine Stärke dieses Theaters, dass die Biografien der Mitmachenden durchscheinen, auch wenn man natürlich nicht weiß, was sie im Einzelnen auf dem Kerbholz haben. Es geht nicht um Voyeurismus, sondern um solche Dinge wie Individualität, Bestimmtheit, freier Wille, Schicksal und Verwandlung. Kunst ist immer erst dann Kunst, wenn sie ihre Bedingungen und Möglichkeiten reflektiert und sich dabei selbst in Zweifel zieht. Und das geschieht hier bei allem Spaß mit geradezu existenziellem Ernst.

Shakespeare liefert im Sommernachtstraum mit dem Handlungsstrang der Theater spielenden Handwerker eine herrliche Vorlage. Was tun die da vorn, wenn sie sich mehr oder weniger vergeblich verstellen? Was haben wir, auch wenn wir zufällig nicht im Theater sitzen, außer unseren trügerischen Sinnen, wenn wir Kontakt zu anderen Seelen suchen? Was helfen uns all unsere Konventionen und Sitten des Zusammenlebens, wenn wir zugleich unseren Trieben unterworfen sind?

Am schönsten sind dann die Augenblicke, in denen all diese Bedingungen und Reflexionen zerstieben, und man von der Geschichte geschnappt ist. Das passiert ausgerechnet dann, wenn das Theater verhöhnt wird. Mohamad Koulaghassi spielt den Handwerker Pfeifer, der im Laienspiel zu seinem Unglück eine Frauenrolle abgekriegt hat und nun Thisbe darstellt, wie sie den leblosen Körper ihres geliebten Pyramus findet. Klar übertreibt Koulaghassi, der eine blonde Perücke und ein rotes Abendkleid trägt. Aber wie er mit seinen großen Händen über den schweren Schädel streicht und raue Klagerufe ausstößt, da reißt einen gerade diese Unkoordiniertheit und Kantigkeit in die Trauer, für die es keine angemessenen Darstellungsformen gibt.

Sommernachtstraum. Open Air in der Gustav-Böß-Freilichtbühne in der Jungfernheide. Vorstellungen bis 9. August, Informationen: www.gefaengnistheater.de