Sonderausstellung in Potsdam: Hasso Plattner zeigt erstmals seine DDR-Bilder-Kollektion

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Tue nichts Gutes, dann wird dir auch nichts Schlechtes widerfahren. Das ist eine alte, sarkastische Redensart, die wohl einen Bibelspruch verballhornt. Dem in Potsdam tätigen Software-Unternehmer und Kunstsammler Hasso Plattner ist es jedenfalls so widerfahren. Aus seiner Sicht. Er wollte für die Stadt eine – private – Ausstellungshalle für Gegenwartskunst schaffen und diese zunächst mit einem Grundstock aus Bildern von berühmten DDR-Malern ausstatten. Mit seiner ganz privaten und daher zu Recht auch mit ganz subjektivem Geschmack und Gefühl gesammelten Kollektion.

Plattner mag „richtig gute Malerei“, virtuos, sinnlich, inhaltlich – und handwerklich perfekt. Die fand er, als er, nach dem Mauerfall, die im Westen so gern als „ideologisch“ verunglimpfte Malerei des Ostens richtig kennenlernte. Die berühmte „Alte Leipziger Schule“ mit Wolfgang Mattheuer, Bernhard Heisig, Werner Tübke und deren Schüler – Arno Rink (wiederum der Lehrer von Neo Rauch), Ulrich Hachulla, Erich Kissing – hat es ihm angetan.

Präsentation ohne Plattner

Aber Plattner ist nicht dabei, als dieser Tage das Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte die noch nie vorher öffentlich gezeigte Bildersammlung des Mäzens präsentiert. Er lässt sich entschuldigen: ein Segeltörn.

Die Ausstellung eröffnen Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs und Museumsleute. An dunkel grundierten Stellwänden und über trittschalldämpfender Auslegeware erzählen knapp 30 Gemälde ihre Bildgeschichten in feintoniger, fast altmeisterlicher Manier, in expressiver Figurengestik, in idyllischen Landschafts- und Gartenmotiven und in metaphorischen Atelier-Szenen.

Alles andere als gemalter Ideologiekampf

Dies nun ist alles andere als gemalter Ideologiekampf, Staatskunst-Pathos oder politisch und versteckt gesellschaftskritisch aufgeladene Historien- oder Mythenmalerei – von Heisigs furiosen kleinen Bildnissen des Preußenkönigs Friedrich II. mal abgesehen.

Harmlos schön, fast kulinarisch, in bester Tradition und unbezweifelt meisterlich gemalt sind diese Bilder, an denen Hasso Plattner sich erfreut und mit denen er, so hatte er es sich eigentlich gedacht, auch die Potsdamer und ihre Gäste von Nah und Fern anziehen und erfreuen wollte.

Aber dann entbrannte dieser fatale Streit. Potsdams Bürgerschaft will – ganz wider die Stadtpolitik und deren Förderer des Stadtschlosses – diese Kunsthalle mit der Sammlung Plattners nicht haben. Jedenfalls nicht an dem Platz im Herzen der Landeshauptstadt, wo das Hotel Mercure steht – ein profanes Plattenhochhaus aus der Ära Honecker, seinerzeit Interhotel zum Zwecke der Devisenbeschaffung.

Peinliche Zankerei

Es sollte der Kunsthalle weichen, die kulturelle Mitte ergänzen. In der ganzen peinlichen Zankerei ging es immer nur um den Ort, nie um die Bilder, die noch keiner gesehen hatte. Plattner, enttäuscht über die Bürgerreaktion auf seine geplante Wohltat, ließ entnervt wissen, er stelle sich „nicht gegen den Geist von Potsdam“. Also baut er demnächst selber eine Kunsthalle, im Norden der Stadt, auf seinem eigenen SAP-Firmengelände. Und er sammelt weiter.

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Trotzdem soll Potsdam nun einmal sehen, was der Stadt für ihre kulturelle Mitte entgeht, auch an Image. Das wiederum wollen der Oberbürgermeister und die Museumsleute deutlich machen. Vielleicht verschafft die Schau ja auch im provinzpossenhaften Kunststreit ein wenig Luft – ein Innehalten, womöglich Einsichten.

Kultivierter Mini-Salon

Zu sehen ist jedenfalls ganz und gar keine aufregende, polarisierende, womöglich provokante Bilderschau. Keineswegs sind hier Schlüsselpositionen ostdeutscher Kunst vor und nach 1989 versammelt. Man steht vielmehr in einem kultivierten Mini-Salon, mit traurig-schönen Atelierszenen des Manieristen Rink sowie Hachullas symbolgeladenem Karneval-Diptychon von 1985.

Vornehmlich aber widmet „Einblick und Ausblick“ sich der einst so geschätzten wie gehassten „Viererbande“ – der vier einflussreichsten und auch im Westen bekannten Maler zu DDR-Zeiten: der drei Leipziger Tübke, Mattheuer, Heisig – und des Hallensers Willi Sitte, mit 91 Jahren der einzig noch Lebende der vier.

Sitte erinnert an den frühen Kandinsky

Sittes bislang einziges Bild in Plattners Sammlung ist denn auch die Überraschung und führt weit weg vom Klischee eines barocken sozialistischen Arbeitsheldenmalers: Ein kleines Ölgemälde von 1973, licht und leicht abstrakt, im Stil irgendwie zwischen einem frühen Kandinsky und einem frühen Feininger.

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„Alexisbad“, ein malerischer Ortsteil von Harzgerode im Unterharz, kommt in Walter Kempowskis „Harzreise“ zu Ehren. Sitte überzieht die Stadtlandschaft mit südlichem Farbenflirren, mit leicht bizarrer Poesie.

Gerhard Richter nicht gut auf Ost-Maler zu sprechen

Nur vier Schritte weiter ist man noch mehr verblüfft: Hier hängt – wie ein Eindringling– die kleine, abstrakte Farbfeldmalerei „891-4“ von Gerhard Richter. Der war 1961 aus der DDR geflohen und nie gut zu sprechen auf die alten Ost-Kollegen.

Als diese 1977 zur Documenta 6 nach Kassel eingeladen waren, hängte Richter demonstrativ seine Bilder ab. Jetzt ist er, durch Plattners Sammlerwillen, mit den einst verachteten und teils schon toten Kontrahenten altersmilde und friedlich vereint. Kunst statt Klassenkampf.

Potsdam. Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte: Am Neuen Markt 9. Bis 16. September, Di– Do 10–17/Fr 10–19/Sa+So 10–18 Uhr.