Womöglich begegnen wir am Himmelfahrtstag, in der säkularen Variation auch Vatertag genannt, in der freien Natur ja noch dem einen oder anderen Wanderburschen mit Birkenreiser oder Maiblumen am Hut. Früher war das so Brauch. An diesem Tag wurde gewandert: Familien, Freunde, Schulklassen, Vereine.

Und natürlich erfreut sich das Wandern noch heute großer Beliebtheit bei Land- wie Stadtbewohnern und so mancher romantisch Angehauchte würde wohl gern einmal die Position dieses Mann in dem grünlich schimmernden Rock und dem rötlichen Haarschopf einnehmen, wenn bloß der Aufstieg nicht so beschwerlich wäre: Caspar David Friedrichs berühmtes Gemälde „Wanderer über dem Nebelmeer“ zeigt den Wanderer schlechthin und dazu in einer fiktiven Landschaft – aus Elbsandsteingebirge und einer fernen exotischen Bergwelt.

In zehn Kapitel gefasste Sonderschau

Zahllose Wege hat CDF in seinem Leben zurückgelegt, seine Füße strapaziert, um zu solchen Motiven zu gelangen. Von Dresden aus lief er in die Sächsische Schweiz, bis ins Riesengebirge, bahnte sozusagen den „Malerweg“, ebenso nach Neubrandenburg, Greifswald, Rügen. 

Das Wandern wurde zur Grundidee seiner Bilder. Und diese berühmte Leihgabe aus der Hamburger Kunsthalle ist sozusagen das Leitbild der großen, in zehn Kapitel gefassten „Wanderlust“-Sonderschau der Alten Nationalgalerie. Die speist sich vor allem aus den eigenen Beständen, ergänzt durch erstklassige Leihgaben aus anderen deutschen Museen und aus dem Ausland, aus Kopenhagen, Paris, Prag, sogar Moskaus Tretjakow Galerie.

Die Natur als Allegorie

Der große Rundgang ist angelegt als Wanderung – auch als Pilgerweg, den man allerdings bequem in Sandalen oder Pumps machen kann. Gleich am Eingang zieht es den Blick hoch zu einer emanzipierten „Bergsteigerin“ mit Hut an einem nördlichen Berghang: Eine fast monumentale Frauendarstellung des Dänen Jens Ferdinand Willumsen von 1912. Es ist die Maler-Gattin. Mit Stock, Hut, langem Rock steht sie am Hang, schaut sinnend in die Ferne.

Wenige Schritte später stehen wir am Fuße des Lava spuckenden Vesuvs und gleich darauf vor dem gigantischen „Wetterhorn“, 1830 gemalt von Karl Eduard Biermann. Gleich darauf begegnen wir dem „Wanderer auf Bergeshöh“; Carus verewigte ihn 1818: Die Natur als Schauspiel.

An der Schwelle zur Moderne

Kern der Schau ist die Romantik, die Natur als Allegorie. In der Folge wurden visionär gehobene Landschaftsansichten „nach der Natur“ gemalt, in der der einsame Mensch über den Horizont ragt. All ihre Bilder sind versammelt: Friedrich, Schinkel, Carus, Blechen, Richter, Schwind, Kersting, lesbar als „Lebensreisen“ zwischen Gipfel und Abgrund. Ihr Wandern, ihr Pilgern wird zum Sinnbild. 

Zwischen Naturfaszination, Erkundungsgeist, Erbauung und Religiosität pendeln auch die Selbstbilder wandernder Maler an der Schwelle zur Moderne – die Im-und Expressionisten. Die Philosophie des 18. Jahrhunderts hatte die Natur aufgewertet, Kant setzte das „Wilde“ in die ästhetische Kategorie des Erhabenen.

Mittel der Entschleunigung

Romantiker und spätere Künstler schufen Ikonen der Sehnsucht, stellten gleichsam das Göttliche der Natur dar, selbst in Landschaften, die sie nie gesehen hatten. Noch andere woben Sagen, Märchen ein in ihre Bilder. Die Entdeckung der Natur, die Wissenschaft der Botanik und Mineralogie (Alexander Humboldts Expeditionen), auch die Gletscherforschung – stärkten nach 1800 die „Wanderlust“ die Idee von Welterkundung und Welterkenntnis.

Goethes Sturm-und-Drang-Dichtung, die „Italiensehnsucht“ lösten ein neues Lebensgefühl aus. Und mit Rousseaus Parole „Zurück zur Natur“ wurde Wandern zum Mittel der Entschleunigung, die eine neue Selbst- und Welterkenntnis ermöglicht. Wie nötig hätten wir, die Moderne-Getriebenen, das heute! Das zivilisationskritische „Zurück zur Natur“ war Gegenbewegung angesichts der rasanten Umbrüche und der technischen Revolution und des Rationalismus. 

Genug gelaufen, genug gesehen

Um 1900 gründete sich die Wandervogelbewegung: Der freie Mann, die freie Frau gehen auf eigenen Füßen, wohin sie wollen, sehen die Welt mit neuen Augen, brechen auf ins Unbekannte. Und kommen zur Ruhe. Besinnen sich auf die Kraft des Taglichts, wie die Impressionisten von Courbet bis zu Renoir. Oder auf die bizarren Naturgebilde der Wälder, Gipfel, Schneewehen, wie die Expressionisten Barlach, Kirchner, Nolde sie ins Bild setzten.

Schon das Spazierengehen, wie Richard Riemenschneiders „Dame im Reformkleid“, 1895, ist Motiv aufgeklärter Kontemplation. Die Sorge, eine Schau zu diesem Thema müsse zwangsläufig affirmativ geraten, ist unbegründet. Zu erleben sind alle Facetten an Kunstgenuss und Vertiefung. Und an Emotion: Melancholisch nämlich sind Lebenswanderungen auch. Ergreifend Ferdinand Hodlers „Lebensmüder“ von 1887, ein alter Mann, am Boden kauernd, erschöpft: Genug gelaufen, genug gesehen.

Alte Nationalgalerie, Museumsinsel, 10. Mai bis 16. September Di– So 10–18/Do bis 20 Uhr, Katalog (Hirmer) 29 Euro