Auch Dirk Zöllner hat es nicht geschafft, jenen Mann mal auf die Bühne zu holen, dessen Texte alle durch den Abend getragen hatten. Werner Karma bleibt an diesem Abend  im Friedrichshagener Kino „Union“ lieber unten im Publikum.

Eine Premiere ist es schon, dass der Name des Songpoeten nun erstmals in einem Albumtitel auftaucht: „Dirk & das Glück: Zöllner trifft Karma“, und erstmals hat er sich fürs Booklet fotografieren lassen. Leider wohl auch letztmals: Denn Werner Karma, vor fünf Wochen 65 geworden, schreibt schon seit Jahren keine Songtexte mehr. 

Seinen Namen als Autor machte sich Karma in der DDR der 80er-Jahre, als er  der vormaligen Partyband Silly einen entscheidenden  Impuls gab. Viele von Karmas  Zeilen auf dem Album „Mont Klamott“ flossen in die Alltagssprache ein – „Die Ferne ist ein schöner Ort, doch wenn ich da bin, ist sie fort“. Heute verblüfft vor allem, wie aktuell seine damaligen Texte sind. Karma hatte sich eben nicht nur an der DDR abgearbeitet, sondern damals schon viel weiter geblickt. 1988 zerstritt er sich mit Tamara Danz und Silly und kehrte 20 Jahre später zurück.

Für das erste Silly-Album mit der neuen Sängerin Anna Loos schrieb er alle Texte und  verlieh so dem heiklen Projekt die nötige Glaubwürdigkeit. Als bisher einziges Album einer Band, die schon im Osten erfolgreich war, erreichte „Alles Rot“ in Deutschland Platin-Status. Doch auf den Erfolg folgte die erneute Trennung. Anna Loos erklärte, dass sie lieber selber texten wolle, weil sie so als Sängerin authentischer sei. 

Mit penetranten Zeilen verprellte Silly viele Fans

Werner Karma erinnert sich am Rande des Zöllner-Konzerts an eine merkwürdige Begegnung: Anna Loos hatte in seinen Vorschlägen einzelne Zeilen gelb markiert – nicht etwa, um sie ändern zu lassen. Nein – nur diese einzelnen Zeilen fand sie interessant, den Rest nicht. Karma schüttelt heute noch ungläubig den Kopf. Doch mit den oft penetranten Texten verprellte Silly dann viele von denen, die von der Band eine gewisse sprachliche Intelligenz erwarteten. Dirk Zöllner, selbst Silly-Fan, wie er sagt, erzählt, dass er die letzte Scheibe „Wutfänger“ vor Wut aus dem Autofenster geschleudert habe, als so beleidigend habe er sie empfunden. 

Zufälliger- und glücklicherweise liefen sich Dirk Zöllner und Werner Karma vor einem Jahr über den Weg und Zöllner, der eigentlich frühere Karma-Songs noch einmal neu aufnehmen wollte, fragte nach dem Verbleib der verschmähten Silly-Texte. Karma tat sich zunächst schwer – schließlich hatte er stets speziell für die jeweiligen Interpreten   gearbeitet. Doch schließlich gab er nach  und verpasste so noch einmal einer Band einen Schub. Das Projekt mobilisierte   auch die Fans. Eine Budgetkampagne brachte weit mehr als erwartet – ein Vertrauensvorschuss, der jetzt eingelöst werden kann. Viele Spender  im Publikum haben einen besonderen Draht zu Karma, etwa die Berliner Künstlerin Ute Donner, die seinen Silly-Slogan „Alles wird besser, aber nichts wird gut“ auf ein Segment der Berliner Mauer gemalt hatte. 

Eine Herausforderung für die ganze Band

Nicht nur Dirk Zöllner als Sänger, Gitarrist und Komponist sah sich herausgefordert, sondern seine komplette Band. Keyboarder André Gensicke, der mit Zöllner seit 30 Jahren zusammen spielt, ist jetzt  erstmals als Sänger zu hören. Der Song „Leicht sein – kann es so leicht sein?“ wurde ihnen zur Maxime. Zöllner preist die klare und einfache Metrik der Karma-Texte: „Sie sind sprachlich derartig homogen, dass ich sie sofort singen kann.“

Und wie er das kann! Sein souliges Timbre kommt den Stücken in ihrem jetzigen Sound sehr entgegen.  Immer wieder spielen die funkigen Songs mit dem Titelthema Glück. „Gut durch oder blutig – wie magst Du Dein Glück“ heißt es im Lied „Die Dritte“. Während Anna Loos heute für Silly bieder zusammenreimt: „Du suchst das Glück – doch es gibt kein Zurück“, erzählt Karma in den damals verschmähten Texten Geschichten, knapp, stimmig, witzig und bitter. Die Ballade „Engel“ weckt die Erinnerungen an Karmas ergreifenden Silly-Text „Über ihr taute das Eis“. Bei den Konzerten ergänzt Dirk Zöllner  die 14 neuen Stücken um ältere  Songs seiner Band  zu Karma-Texten wie „Immer einer“, „Lustige Puppen“ oder „Die Affen“.

Das Stück „Zwei Sonnen“, einst gedacht als Duett für Anna Loos & Jan Josef Liefers, zelebriert die Liebe in nur drei Worten: „Gott sucht Göttin“. Und so beseelt wie es Dirk Zöllner im Finale singt, klingt es fast wie eine universelle Glücksformel. Die Stimmung im Kino „Union“ ist regelrecht euphorisch. Obwohl die allermeisten im Publikum die Songs zum ersten Mal gehört haben, umarmen sich am Ende viele – so kann echtes Glück aussehen!