Der britische Saxofonist und Klarinettist  Shabaka Hutchings.
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BerlinMan muss die Zeichen nehmen, wie sie kommen. In den bürgerrechtsbewegten Sechzigern erschienen die Alben einer jungen Generation von Jazzmusikern wie John Coltrane, Archie Shepp oder Pharoah Sanders unter dem Slogan „The New Wave of Jazz“ auf dem New Yorker Impulse-Label. Wenn also einer der zentralen Protagonisten der überfälligen Jazzrenaissance beim runderneuerten Impulse veröffentlicht wird, so wird man marktgerecht gedacht haben, dann blasen wir das doch einfach symbolisch auf.

Sehr unerwartet handelt es sich dabei mit Shabaka Hutchings um einen britischen Saxofonisten und Klarinettisten mit karibischen Wurzen. Mit 35 wirkt er unter den jungen Briten, etwa der Saxofonistin Nubya Garcia, den Afrobeat-Erneuerern Kokoroko oder den Fusion-Jazzern Ezra Collective, fast schon etabliert. Als gleichsam graue Eminenz hat er vor gut zwei Jahren auch mit „We Out Here“ einen standortbestimmenden Sampler über diese blühende Szene kuratiert. Aber vor allem spielt er in den zwei sehr unterschiedlich wegweisenden Ensembles The Comet Is Coming und Sons of Kemet, die mit ihren jeweiligen Mercury-Prize-Nominierungen das günstige Crossover-Klima unterstrichen haben.

In demografischer Hinsicht ist dies durch das junge Publikum bei Comet-Konzerten wie im vergangenen Frühjahr im ausverkauften Kreuzberger Bi Nuu bewiesen. „Das Publikum war, glaube ich, immer da“, sagt Hutchings am Telefon. „Wenn ich mir Björk oder Radiohead vor 15 Jahren anhöre, ihre Sophistication; Komplexität und wohl auch Improvisation – wo liegt der Unterschied zu Jazz? Nur sah Jazz vor 20 Jahren schrecklich uncool aus.“

Was sich also geändert habe, sei das Bild vom Jazz. „Und wenn du die Leute einlädst, ihnen etwa eine konsistente Bassline gibst, einen Beat, eine melodische Linie, dann akzeptieren sie auch viel Abstraktion.“

Dem Jazzbegriff begegnet Hutchings ohnehin mit Vorbehalt, auf klangliche Charakteristika reduziert beschränke er die Künstler. „Als Hinweis auf eine Kreativität, die auf der Tradition der schwarzen Diaspora – speziell in Amerika – beruht, liebe ich ihn.“ Als Teenager konnte er mit der Musik nicht viel anfangen. In Birmingham geboren, weitgehend auf Barbados, der Heimat seiner Eltern, aufgewachsen, kam er mit 16 Jahren nach England zurück, studierte klassische Klarinette, trieb sich in Clubs herum und freute sich an den Elektrostilen „Two Step und früher Dubstep, die eben überall um dich her liefen“.

Aufregend psychedelische Rockmomente

Zum Saxofon kam er erst nach dem Uni-Abschluss 2008: „Du bekommst einfach leichter Jobs, und dabei habe ich es lieben gelernt.“ So wie auch die Jazzgiganten von Parker über Coltrane zum norwegischen Keith Jarrett-Begleiter Jan Garbarek, eines seiner frühen Vorbilder. Wo die jungen US-Jazzer – exemplarisch das L.A. um Kamasi Washington – ihren Spirtualjazz mit R&B und HipHop füttern, nehmen die Briten eine andere Route durch den Black Atlantic. In Hutchings Elektro-Trio Comet Is Coming etwa verbinden sich sehr aufregend psychedelische Rockmomente mit britischer Bassmusik und Dubmotiven, über die Hutchings seine seltsam repetitiven Kürzel spielt, die er am HipHop-Flow orientiert: „Ich habe Raps auswendig gelernt und dann auf der Klarinette nachgespielt.“

Im akustischen Quartett Sons of Kemet, wo eine Tuba den Bass übernimmt, hört man Drummuster und Harmonik aus der Karibik und Westafrika: „Wenn du schwarz und britisch bist oder auch einfach britisch“, sagt er, „dann näherst du dich der Jazztradition aus der Außenseiterperspektive an, ohne die Kultur, die Psychologie und die Geschichte drumherum. Das kann hemmen oder befreien. Aber es verbindet so unterschiedliche Leute wie Nubya Garcia oder das Ezra Collective – eine andere Perspektive. Und die kann natürlich in diesem historischen Moment notwendig sein.“

Bei den Comets und auf dem soeben veröffentlichten dritten Album „Afterlife“ mündet das in eine – von Spoken Word-Dichtern wie Joshua Idehen und Kate Tempest veranschaulicht – postapokalyptische Szenerie. Es sei vergleichbar, so Hutchings, mit der Prä-Bürgerrechts-Erfahrung von Alt-Aliens wie Sun Ra: „Ohne auch nur die geringste Aussicht auf gesellschaftliche Anerkennung und Teilhabe ist deine Welt am Ende. Es geht nur noch darum: Was kommt jetzt?“

„Jede Entscheidung politisch“

Mit den nicht weniger famosen Sons of Kemet feiert er dagegen afrodiasporische Heroik. Unter dem Titel „Your Queen Is a Reptile“ tutet, bläst und trommelt sich die Band kraftvoll durch Stücke, die der Britmonarchin Afroqueens gegenüberstellt: von Hutchings Großmutter über die Ex-Sklavin und Befreiungsaktivistin Harriet Tubman bis zur kommunistischen Bürgerrechtsikone Angela Davis.

„Natürlich ist jede Entscheidung politisch. Aber ich will niemanden überzeugen, nur eine Energie vermitteln. Ob die Menschen dazu tanzen oder Geschirr spülen, ist mir egal“, sagt Hutchings. „Aber wenn beim ,Queen’-Album Leute ohne Ahnung von der Kolonialgeschichte denken: ,Während ich mich zu dieser Musik auf dem Balkon betrinke, google ich einfach mal ein paar von den Frauen’ – dann lernen sie etwas, das sie vorher nicht wussten. Und dann sehen sie die Welt vielleicht aus einer neuen Perspektive. Und genau das brauchen wir zurzeit in unserer Gesellschaft.“

Sons of Kemet in Berlin

13. Dezember, 20 Uhr, Gretchen, 
Obentrautstraße 19–21.
The Comet Is Coming – The Afterlife (Impulse/ Universal)