Über zehn Jahre ist es her, dass Sophia Loren zuletzt in einem großen Film zu sehen war, und dass ihr Auftritt im gefloppten Hollywood-Musical „Nine“ kaum in Erinnerung geblieben ist, sagt mehr über den Film von Rob Marshall als über ihren recht kurzen Auftritt darin aus. Doch nun meldet sich die Legende des italienischen Kinos zurück, bei Netflix statt auf der großen Leinwand und mit einer Rolle, die nicht so ohne weiteres zu übersehen oder zu vergessen ist. Schließlich ist „Du hast das Leben vor dir“ ganz auf Loren zugeschnitten.

Die Madame Rosa, die die 86-jährige Oscar-Gewinnerin hier verkörpert, mag nicht die uneingeschränkte Hautrolle dieses Films sein. Das Zentrum aber ist sie allemal. In der Hafenstadt Bari hält sich die betagte ehemalige Prostituierte mit Mühen, aber großem Herzen über Wasser. Um die Miete zahlen zu können, müssen schon mal die kostbaren Kerzenständer verkauft werden, aber wenn Kinder – etwa die von ehemaligen Kolleginnen – Hilfe brauchen, findet sie immer noch einen Platz. So wie für den 12-jährigen Momò (Ibrahima Gueye), den ihr gleichermaßen gutherziger Arzt bei Rosa einquartiert.

Es dauert eine Weile, bis sich der aus dem Senegal stammende muslimische Waisenjunge und die jüdische Holocaust-Überlebende, die sich bis heute in einem Kellerverschlag am sichersten fühlt, miteinander arrangieren. Dass er die Finger nicht von Drogengeschäften lassen kann und sie von immer heftigeren Demenzschüben heimgesucht wird, lässt ihre ungewöhnliche Freundschaft unter schwierigen Vorzeichen beginnen.

Vom unverwechselbaren Glamour-Look Lorens – auftoupierte rote Haare, tiefes Dekolleté, tiefbraune Haut – ist in „Du hast das Leben vor dir“ nichts zu sehen. Doch auch in grauer Langhaarperücke und dezentem Alltags-Make-up weiß Regisseur Edoardo Ponti seinen Star in Szene zu setzen, der obendrein seine Mutter ist. Er holt dafür Romain Garys Roman von 1975 (als „Madame Rosa“ mit Simone Signoret schon einmal verfilmt) nach Italien und in die Gegenwart, wobei die Situation der übers Mittelmeer Geflüchteten hier genauso ein nebensächliches Hintergrunddetail bleibt wie Rosas transgender Nachbarin (Abril Zamora) oder der nette muslimische Verkäufer (Babak Karimi), der Momò vom Koran erzählt.

Statt eines politischen Dramas ist „Du hast das Leben vor dir“ ein eher konventionell umgesetztes Rührstück, inklusive sonnendurchfluteter Bilder (Kamera: Angus Hudson), Pathos-Score von Gabriel Yared und pompöser Ballade aus der Feder von Diane Warren. Keine Frage: Das ist kitschig, in vieler Hinsicht überfrachtet und in seiner Harmlosigkeit wenig realistisch. Aber wenn es darum geht, sein Publikum zu rühren, ist Pontis Film allemal effektiv. Auch weil der junge Hauptdarsteller Ibrahima Gueye seine Sache richtig gut macht – und Sophia Loren, die für ihren Sohn schon 2002 bei „Zwischen Fremden“ vor der Kamera stand, tatsächlich endlich noch einmal die Gelegenheit bekommt, zu großer, gefühlvoller Form aufzulaufen.

Du hast das Leben vor dir, ab 13.11. bei Netflix.