Ein schönes, irreführendes Foto von Sophie Rois im Foyer des Deutschen Theaters. Man gebe ihr wenigstens eine Sense für die Heuernte in die Hand! 
Foto: Ulrike Schamoni

BerlinEin schönes Foto, das wir hier sehr gern veröffentlichen! Aber es führt ein bisschen in die Irre. Und auch der Slogan „Sophie Rois fährt gegen die Wand im Deutschen Theater“ ist leicht ausgerutscht. Der Kaffeehaus-Schick des DT-Interieurs und die glamouröse Pose der allseits mit Liebe und Bewunderung überschütteten Schauspielerin sprechen für einen pompösen Abend und ein ungebremstes Gegen-die-Wand-Fahren − was man bei diversen Kraftauftritten von Rois mit Sorge und Entzücken miterlebt hat − steht hier eigentlich nicht zu erwarten. Und wer jetzt die sprichwörtliche imaginäre Vierte Wand assoziiert, die im Theater das Publikum vor der Welt der Figuren auf der Bühne trennt, der könnte auch ein wenig vom Thema abweichen. Es wird ein literarischer Abend nach dem Roman von Marlen Haushofer gegeben, Regie führt Clemens Maria Schönborn, der seine Lebensgefährtin schon bei diversen Solo-Abenden zu leuchtenden Auftritten verhalf.

Eine blutige Hundeschnauze

Die titelgebende Wand aus dem 1964 erschienenen Roman der 1920 in Linz geborenen Tochter eines Revierförsters und einer Kammerzofe ist zwar auch unsichtbar und eine Metapher für getrennte Welten, aber sie hat eine materielle Evidenz, die dem Hund, der gegen sie läuft, eine blutige Schnauze verschafft.

Eine namenlose Vierzigjährige fährt mit ihrer Cousine und deren Mann auf eine Alpenjagdhütte. Nachdem die beiden die Ich-Erzählerin am Abend allein lassen, um noch einmal ins Dorf zu gehen, kehren sie über Nacht nicht zurück. Bei der Suche nach ihnen stößt erst der Hund und dann die Namenlose eben gegen jene Wand. Sie ist über Nacht in den Himmel gewachsen. Alle Menschen und Tiere dahinter sind erstarrt und eines plötzlichen Todes gestorben. Gefangen in einer Idylle beginnt die Namenlose sofort damit, sich selbst zu versorgen.

Die fiktive Welt der Moderne

Wie sie sich anstellt, was ihr widerfährt und welche Gedanken sie sich dabei macht, erfahren wir aus einem Bericht, den sie im dritten Herbst ihres Alleinlebens niederschreibt, nicht wissend, ob ihn jemals wer lesen wird. Sie beginnt mit dem Schreiben erst, als sie das Leben in den Bergen gelernt hat. Sie hat mehrere Winter überstanden, sie hat eine tragende Kuh gefunden und ihr beim Kalben geholfen, sie hat einen Erdapfelacker und einen Bohnengarten angelegt, die Strapazen der Heuernte gemeistert, ist sommers sogar auf die Alm gezogen.

Sie schafft es, sich von Wild, Beeren und dem Selbstgezogenen Vorräte anzulegen. Sie steht Mangelernährung, Überanstrengung, Trübsinn, Fieber, Zahnfleischabszesse und Rheuma durch, wird widerstandsfähiger, findet ihren Rhythmus, ihre Grenzen. Und sie geht tiefe und beredte Verbindungen zu den Tieren ein, die sie pflegt und die sie nutzt − und die sie bald mit einer größeren Selbstverständlichkeit und Wucht zu lieben scheint als die Menschen ihres alten Lebens. Sie übt eine neue existenzielle Praxis des Lebens ein. Die versperrte moderne Welt mit den großwerdenden Kinder, mit den entfremdeten Lästigkeiten des Alltags, mit der eingekastelten Liebe − also die Welt der Leser − erscheint blass, nichtig und bei allem Gewese fiktiv und abgehoben vom Eigentlichen.

Das letzte Zündholz

Der Aufmerksamkeitsschub, den das Meisterwerk durch die ökofeministische Szene erlebt, ist erfreulich, aber vielleicht auch ein Missverständnis. Denn diese Idylle taugt nur bedingt als Alternative zu unserer entfremdeten, kulturverzerrten Lebensweise.

Sie ist brutal und hoffnungslos, denn die Erzählerin hat die Sterblichkeit − die der Gefährten und ihre eigene − stets vor Augen. Sie lässt sich nicht verdrängen. Ein Blick auf die zur Neige gehenden Zündholz- oder Munitionsvorräte genügt. „Ich weiß nicht, ob ich es ertragen werde, nur noch mit der Wirklichkeit zu leben. Aber es geht nur kurze Zeit. Ich bin immer noch ein Mensch, der denkt und fühlt, und ich werde mir beides nicht abgewöhnen können. Deshalb sitze ich hier und schreibe alles auf, was geschehen ist, und es kümmert mich nicht, ob die Mäuse die Aufzeichnungen fressen werden oder nicht.“

Sophie Rois fährt gegen die Wand … 31.1. (Premiere); 16., 26.2., 19.30Uhr, Deutsches Theater, Tel.: 28441225, deutschestheater.de