Es ist immer ein bisschen fies, was die netten Performer der Hildesheimer Truppe Turbo Pascal mit ihren Zuschauern machen. Erst heißen Sie alle höflich willkommen, zeigen manchem sogar den Platz, geben Tipps, wie man sich auch im Publikum entspannt kennenlernen kann, und unvermerkt steckt man mitten drin in ihrem Spiel der Manipulationen. Ja, Turbo Pascal liebt die Interaktion, die an diesem Abend in den Sophiensaelen besonders fein abgewogen ist.

Den „Algorithmen“ ist er gewidmet. Jeder kennt sie - keiner genau. Lösungen, heißt es, findet man durch sie, Algorithmen strukturieren Ordnungen, Rangfolgen. Jeder stellt täglich viele davon auf, um sich zurecht zu finden in der Welt. Wie sehe ich aus? Gehöre ich zu den Erfolgreichen oder zu denen auf der Warteliste? Welche Warteschlange geht schneller?

Algorithmen sind Gleichungen des Alltags, die mit Computersprache erst mal nichts zu tun haben. Und doch wird der Computer bald mächtiger Mitspieler, denn natürlich kennt er mittlerweile all unsere Alltagsfragen besser als wir - wir gaben sie ihm ja selbst, und er vergisst nicht.

Algorithmen funktionieren simpel, entscheidend ist die Datenmenge. Und so sammelt auch dieser Abend vor allem Daten: vordergründig wirr, hintergründig strikt normierend wird das Publikum nach Eigenschaften und Selbsteinschätzungen gefragt und je nach Antwort auf Sitzgruppen im Saal verteilt. Dabei ist völlig egal, ob die Antwort ehrlich ist oder ausgedacht, am Ende zählt, was man zeigt. Via Mikro und Zettel funktioniert das: „Hast du nichts zu verbergen?“ steht auf einem, und trotzdem man das Verbergen wählt, findet man sich schnell in der Sitzgruppe für Verberger. Langsam wird es indiskreter, es geht um Zeugnisse, Einkommen und man staunt, wie viele das scheinwirre Spiel weiterspielen - aus Selbstdarstellung, Witz, Naivität?

„Algorithmen“ eröffnet keine neuen Erkenntnisse über unsere immer heiklere Öffentlichwerdung, aber es macht dieses abstrakte Wissen neu greifbar, verwickelt den Zuschauer direkt in die Peinlichkeit, wie er vom Nutzen seiner eigenen Algorithmenkompetenz in die Ausnutzung durch sie selbst schliddert.

Solcherart spürbarer Denk-Erfahrungen sind das, was man aus der konzeptstarken Performancekunst der Sophiensaele immer wieder mitnimmt.

Auch das Festival „Männer in Garagen“, das Ende September die Saison in den Pankower „Gündergaragen Himmelsbach“ eröffnete, war bestes Beispiel dafür. In seiner dialogischen Offenheit und der ständigen Suchbewegung zwischen Kunst im Leben, spiegelte es zugleich das Funktionsprinzip der Sophiensaele selbst. Auf dem Garagenhof, wo sonst Kleinunternehmer ihre Geschäftsideen aufziehen oder Bastler schrauben, wurden 19 Garagen gemietet und künstlerisch verwandelt. Männer-Klischees sollten hinterfragt werden, doch dann sah man unheimliche, herrliche, auch lächerliche Träume, die gerade deshalb so überzeugten, weil ihre Realisierungen so fantastisch realitätsnah blieben.

Der australische Tänzer Grayson Millwood schaffte gleich einen ganzen Wald in den Schuppen und wuchs dann selbst wie ein anderes Wesen aus dem Mulch. Ein paar Schritte weiter fand man Markus&Markus mit heißen Köpfen an einem Modelltisch, auf dem sie Wagners kompletten „Ring“ mit Spielfiguren nachstellten: „Die Walküre“ schmetterte aus dem Kopfhörer, während man zwei glücklich überforderten, hochkonzentrierten Jungen bei einer Großtat zusah. Und plötzlich erkannte man in diesen Verdichtungen, dass sich große Ideen und kleine Realisierung kein bisschen feind mehr waren, sondern die einzig sinnvolle Art zu leben.

Verdichtung war auch das Prinzip der Weltende-Performance „Teotwawki“des Gießener Duos Burmester + Feigl. Mit den „Preppern“, die nichts anderes tun, als sich auf Katastrophen vorzubereiten, nahmen sie das Krisen- und Abschottungsdenken unserer Tage in Blick. Eigenes Terrain absichern scheint immer wichtiger, als neue Gemeinschaftsformen zu finden, und die Performer verschachtelten Songs, rhythmische Katastrophenvideos und Installation so, dass Beschwörung, Parodie und Kritik daran aufreibend ineinander flossen. Momentweise trat man ein in ein düsteres Welt-Gedicht. Heraus kam man als anderer.