No Limit.
Foto: Angela Alves

BerlinDie bunte Showtreppe im Hintergrund des spacigen Online-Studios, in das wir an diesem fröhlich swingenden Split-Screen-Abend schauen, führt direkt in die endlosen Weiten des Alls. Eigentlich nichts Besonderes für ein werbefreundlich schrilles Showsetting, in dem gut gelaunte Moderatorinnen freakige Menschheitsexemplare dem Mainstream-Publikum zu Hause auf der Mattscheibe präsentieren. 

In diesem Fall aber wirkt das All und seine Weite noch ein bisschen skurriler, auch bissiger, denn das imaginär mitspielende Publikum, das hier beständig angebaggert wird, begegnet der Grenzen- und Schwerelosigkeit in seinen Leben zweifellos am wenigsten. Mehrheitlich nämlich setzt es sich aus irgendwie behinderten Menschen zusammen.

Ja, es herrschen andere Zeiten an diesem Abend. Sicher schön zu hören für all diejenigen, die den (in Corona-Zeiten noch gesteigerten) Fitnesswahn dieser Gesellschaft längst satt haben. Aber auch nicht ohne Fallstricke natürlich, denn bekanntlich reflektiert sich eine Mehrheitsgesellschaft, ob fit oder unfit, selbst am allerwenigsten, was für die Dazugehörigen höchst komfortabel ist, für alle anderen aber den kleinen, oft schmerzlichen Unterschied macht.

Wer ist „behindert“, was ist ein „Crip“ und wann heißt etwas „Handicap“? Diese absurden, aber in einer Leistungsgesellschaft, die sich in immer kleinere, kämpferische Identitäten aufspaltet, auch existenzielle Fragen tauchen an diesem Abend in Gestalt verschiedener Zuschauererhebungen auf, die schnell in Grafiken auf dem Bildschirm erscheinen. Für „behindert“ halten sich dann doch die wenigsten, aber zur „Norm“ zählt sich auch kaum jemand.

Wir befinden uns in Angela Alves’ bissiger, kleinen „No Limit“-Show, die die Tänzerin und Bodycoacherin zusammen mit drei Performern, einem Musiker und versierten Technikern am Dienstagabend in den Sophiensaelen live produzierte und als „Webinar“ auf die heimischen Zuschauer-Displays sendete.

Wie so vieles sollte auch „No Limit“ ursprünglich eine reine Bühnenshow sein, was virusbedingt nun in eine erstaunlich bewegliche Zoom-Stunde gegossen wurde. Es bleibt kein Stein auf dem anderen in dieser Umkehrungsshow, nicht mal der politisch korrekteste, denn „inkludieren“ lassen will sich der Stargast Angela auch nicht, die als freakig anzügliche Außenseiterin in der Sendung auftaucht. „Angela leidet an Nichtbehinderung!“, so die schrille Moderatorin Athina, die selbst taub ist, aber Reden sprudelt wie ein Wasserfall: „Wie macht sie das bloß, tanzen ohne Behinderung?“ Angela zuckt ratlos die Schultern, aber um sie herum entfesselt sich ein multiples Ausdrucks- und Sprechfeuerwerk, dessen Entdeckung allen Nichtbehindert-Beschränkten die Augen weitet.

Anmeldung unter Sophiensaele.com, 17. und 18.6., 20 Uhr