Ein Wandschirm aus Kupferblech, am Rand ein paar Tische und Stühle unter Glühbirnen, in der Mitte ein Haufen Knüppel und hinten eine Glocke. Der auratische Bühnenraum der Sophiensäle ist leer, aber nur auf den ersten Blick. Der Bühnenbildner Johannes Schütz hat ihn für „Karamasow“, die neue Theaterarbeit des Regisseurs Thorsten Lensing, mit Elementarem angefüllt: Mit dem Schimmer des warmen Lichts, das der Paravent in den Raum wirft, mit den Schwingungen der Glocke, mit der realen Natur des knackenden Holzes; später wird es sogar noch schneien.

Diese Vorführung dieser elementaren Dingfestigkeit ist kein Grund zum Feierlichwerden, aber es hilft zu verstehen, was die Leute da vorn anders machen als andere Schauspieler, ja sogar anders als sie selbst in anderen Inszenierungen.

André Jung zum Beispiel macht einen Hund. Er rennt im Zickzack über die Bühne, wirft prüfende Blicke, stößt geräuschvoll Luft aus, bellt auch mal und wedelt. All diese Hundetätigkeiten verrichtet er aber auf Menschenart und dies wiederum übersetzt er derart genau, dass man ihm das Hundewesen abnimmt: die andere Aufmerksamkeit, die selbstverständliche Gefolgschaft und Treue.

Er nimmt − man kennt diesen Effekt von echten Tieren, die im Theater eingesetzt werden − auf einer anderen, realeren Ebene am Bühnengeschehen teil, interessiert sich nicht für das Gesprochene, ist aber der erste, der mitbekommt, wann eine Situation kippt − freilich ohne jede Begabung zur Reflexion, das heißt mit einer unglaublich komischen Humorlosigkeit. Und wie Sebastian Blomberg als 13-jähriger Kolja mit dem Hund umgeht, ihn tätschelt, herumkommandiert und ihn so in seinem Wesen beglaubigt, das ist grandios. Die Geborgenheit einer Hundeschnauze an der Jungenschulter: eine Verwandlung ohne Lüge!

Diese Echtheit setzt sich auf Menschenebene fort. Der Unterschied zwischen Schauspieler und Figur wird nicht versteckt − wir sind ja nicht doof und wissen, das Ernst Stötzner keine Frau und Horst Mendroch kein sterbender Neunjähriger ist. Sie bleiben, wer sie sind, aber es vollzieht sich doch in den Handlungen, Sprechweisen und Texten eine Annahme des lebendigen Wesens, das Dostojewskij den Figuren eingehaucht hat. Nein, es handelt sich nicht um Magie.

Es ist ein pures Spiel mit offenen Karten. Ein Machen ohne Vormachen. Ein bewusster, kontrollierter Gang durch gegebene Situationen, wobei keiner schon vorher genau zu wissen scheint, wo er mit dem nächsten Schritt landet. Der Abend dauert knapp vier Stunden und ist von einer Intensität, die man als Zuschauer mit trägt und mit aushalten muss. Manche flüchten sich in den Schlaf.

Wie unverlässlich ist die Wirklichkeit

Es gibt nur eine gute Handvoll von Szenen aus dem atemlosen, verzweigten 1250-Seiten-Romangeschehen zu erleben. Zentrale Teile und Figuren fehlen oder werden in Lensings Stückfassung, an der Dirk Pilz, Autor dieser Zeitung, mitgearbeitet hat, lediglich erwähnt: Der Mord, die Eifersuchtsdramen, die Gerichtsverhandlung sind kassiert, es gibt keine Katerina Iwanowna, keine Gruschenka, keinen Vater Karamasow, keinen Dmitrij, keinen Iwan. Nur ein Karamasow ist übrig geblieben und wird von Devid Striesow mit seelenvollem, tappsigem, langsam, aber gründlich denkendem Wesen erfüllt: Er ist der jüngste Bruder Aljoscha, der eher als Spiegel des Geschehens herhält, als dass er selber handelt.

Die Spielszenen sind den im Roman eher kleinen Episoden entnommen, in denen Aljoscha mal selbst zum Gegenstand, statt zum Werkzeug des Interesses wird: Wenn Lisa (Ursina Lardi) ihn mit ihrer Liebe überrumpelt, sogleich aber auch mit dem Misstrauen gegen ihre eigenen Gefühle, mit ihrer Lebens- und Leidensgier: Da bricht man mit Aljoscha dutzendfach durch die Netze der immer neu behaupteten und sofort wieder einreißenden Aufrichtigkeit.

Auch ein herrlicher Dialog zwischen Lisas konsequent unkonzentrierter Mutter (gespielt von Ernst Stötzner) und dem Starez Sossima (nochmals André Jung, der dem Geistlichen bei der Gelegenheit die Pose der hündischen Seelenreinheit leiht) ist ein Slapstick der unermüdlich anberaumten und immer wieder durchschauten Aufrichtigkeit.

Irgendwann begreift man: Die Figuren sind es, die hier spielen, die einander etwas vormachen, die sich voreinander verstellen, auch wenn sie sich noch so dringend nach Echtheit sehnen und dafür Leid in kauf nehmen. Die Schauspieler dagegen tun, was sie tun, und sie sind, was sie sind. Wie unverlässlich ist die Wirklichkeit, wenn man dieses Theater verlässt.