Evelyn Herlitzius zählt international seit Jahren zu den überragenden hochdramatischen Sopranistinnen und wird neben ihrer vokalen Kunst auch für ihre grandiose theatralische Gestaltungskraft gefeiert. Die gebürtige Osnabrückerin lebt seit 1999 in Dresden. Mit ihrer Elektra an der dortigen Semperoper – Christian Thielemann dirigierte das Werk von Richard Strauss, Barbara Frey führte Regie – gewann sie 2014 den deutschen Theaterpreis „Der Faust“ als „beste Sängerdarstellerin“. An der Deutschen Oper singt sie nun unter dem Dirigat von Donald Runnicles die Titelrolle in Dimitrij Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“.

Frau Herlitzius, stimmt es, dass Sie ursprünglich gar nicht Sängerin werden wollten?

Ja, ich wollte eigentlich Tänzerin werden, habe auch eine Tanzausbildung begonnen, bin jedoch kurz vor dem Diplom zum Gesang gewechselt. Denn parallel hatte ich schon Gesangsunterricht genommen, aber eher aus praktischen Erwägungen. Ich dachte mir, wenn ich zum Theater gehe – und das wollte ich unbedingt –, wäre es besser, ich könnte nicht nur tanzen, sondern auch singen.

Was für ein ungewöhnlicher Einstieg für eine so fulminante Karriere...

Es war jedenfalls sehr aufregend. Ich ließ dann das Tanzen sein und habe mich an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg beworben, wurde gleich angenommen – und damit fing ein völlig neues Leben für mich an. Am Anfang habe ich das Sängersein nicht mit mir als Person in Verbindung gebracht, ich wusste gar nicht so genau, wie das geht. Aber nach dem ersten Semester war ich drin und habe gemerkt: Singen, das ist einfach meins.

Sie werden neben Ihren musikalischen auch für Ihre theatralischen Gestaltungen geschätzt, sowohl vom Publikum als auch von so verschiedenenen Regisseuren wie Andrea Breth, Hans Neuenfels, Christof Loy, Barrie Kosky oder Claus Guth, Sie sangen bei Patrice Chéreau oder Christoph Schlingensief. Woher kommt Ihre Aufgeschlossenheit gegenüber so konträren Regie-Stilen?

Diese Offenheit ist eine individuelle Anlage, mit der ich etwa seinerzeit auch mein Studium begonnen habe, nach dem Motto: Ich mach’ das jetzt einfach! Das bedeutet aber nicht, dass ich mich im Lauf der Proben nicht bewusst mit dem auseinandersetze, was ich da tue. Wichtig ist mir immer der offene Diskurs. Zwar ist es stets eine Gratwanderung, aber ich finde es sehr spannend, mit so unterschiedlichen Regisseuren zu arbeiten. Ich musste als Sängerin – wie auch im privaten Bereich – allerdings lernen, mich vor zu viel Risikobereitschaft zu schützen.

An der Deutschen Oper singen Sie nun in Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ die unglücklich verheiratete Katerina Ismailowa, die ihre Freiheit sucht, zur Mörderin wird und sich schließlich umbringt. Ist sie Ihnen sympathisch?

Mir geht es grundsätzlich nicht darum, ob mir eine Figur sympathisch ist oder nicht, sondern ich möchte sie verständlich machen und nachvollziehbar zeigen, was mit ihr passiert. Das tue ich ohne großes Herumpsychologisieren, denn das kann man nicht darstellen. Psychologie überträgt sich nicht von der Bühne her, es übertragen sich nur Emotionen. Ich muss natürlich vorher wissen, wie es um die Frau innerlich bestellt ist und mir genau überlegen, wo ich anfange und wo ich hin will. Schostakowitsch hat seine Katerina geliebt und wollte, dass das Publikum am Ende denkt: Gut, die hat jetzt drei Menschen umgebracht – aber eigentlich ist sie ein armes Schwein! Das ist ihm großartig gelungen.

Die Oper, schrieb er, handelt davon, wie Liebe sein könnte, wenn in der Welt ringsum nicht solche Schlechtigkeit herrschte.

Ja, Katerina geht zwar psychisch an ihren Taten zugrunde, aber die Liebe zu ihrem neuen Mann berührt das nicht, die verselbständigt sich fast. So liebt sie schließlich um der Liebe Willen.

Sie knien sich regelmäßig in die schweren, abgründigen Rollen der Opernliteratur und schonen sich dabei in keiner Weise. Wie kommen Sie am Ende des Tages von der Intensität Ihrer Figurengestaltungen wieder herunter?

Das braucht seine Zeit. Mein Körper ist am nächsten Tag einfach wie ein Plattfisch. Am frühen Abend geht es mir dann wieder besser. Man setzt während einer Vorstellung ja extrem viel Energie um und hat einen äußerst hohen Adrenalinspiegel. Meine Heilpraktikerin sagte mir, es dauert mindestens zwei Tage, bis der sich abgebaut hat.

Fliegt man da als erfolgreiche Sängerin nicht schon längst wieder zum nächsten Auftritt?

Ich versuche das zu vermeiden. So kurz nach einer Aufführung ist frühes Aufstehen und Fliegen furchtbar anstrengend – und ungesund. Man kann es nicht immer umgehen, dann muss man halt durch, aber ich bin bestrebt, am Tag nach einer Vorstellung tatsächlich Ruhe zu haben. Schließlich will ich meinen Beruf noch eine ganze Weile ausüben!

Die Fragen stellte Irene Bazinger.

Deutsche Oper: „Lady Macbeth von Mzensk“. Termine: Sonntag, 25.1.2015, 18 Uhr, 29.01, 31.01, 05.02, 14.02., Kartentelefon: 34384-343