Sorbisches National-Ensemble ist zum Sparen gezwungen

Das Sorbische National-Ensemble blickt auf 70 Jahre Historie zurück. Einst war es als kultureller Botschafter weltweit unterwegs. Nun haben Sänger, Tänzer un...

PRODUKTION - Das Ballett des Sorbischen National-Ensembles in Bautzen probt ein Programm.
PRODUKTION - Das Ballett des Sorbischen National-Ensembles in Bautzen probt ein Programm.Robert Michael/dpa/Archivbild

Bautzen-Das Sorbische National-Ensemble (SNE) muss ausgerechnet in seiner Jubiläumssaison den Rotstift ansetzen. Grund ist ein Defizit, das durch Einnahmeausfälle in der Corona-Pandemie entstand und auf eine Summe von 125.000 Euro anwuchs, sagte Intendant Tomas Kreibich-Nawka der Deutschen Presse-Agentur. „Wir müssen die Frage stellen, was wir uns leisten können, was uns wichtig ist und welche Projekte wir zurückstellen müssen.“ Für das Defizit als Folge ausgefallener Gastspiele springe kein anderer ein, das SNE müsse dies allein bewältigen. Leider habe man in der Coronakrise nicht wie andere von Förderprogrammen profitieren können.

Das Ensemble mit einem Jahresetat von 5,2 Millionen Euro und 93 Stellen wird über die Stiftung für das sorbische Volk finanziert, die jährlich vom Bund und den Ländern Brandenburg und Sachsen Mittel erhält. Zudem gibt der Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien Geld. Das SNE mit den Sparten Chor, Tanz und Orchester wurde 1952 gegründet und begeht derzeit seine Jubiläumssaison zum 70-jährigen Bestehen. Zu DDR-Zeiten war das SNE als kultureller Botschafter der Sorben in mehr als 40 Ländern unterwegs. Der internationale Tournee-Betrieb ist allerdings auch aus Kostengründen zum Erliegen gekommen. Intendant Kreibich-Nawka möchte aber die Kontakte ins Ausland wiederbeleben.

Pünktlich zum Jubiläum konnte das SNE nach zwei Jahren Sanierung und Neubau ein modernes Domizil beziehen. Der Intendant sieht darin ein Bekenntnis zum Erhalt einer Institution, die in ihrer Geschichte immer mal wieder in Frage gestellt wurde. „Dieses kleine Volk braucht eine professionelle kulturelle Vertretung. Das ist ein wichtiger Baustein zum Erhalt der sorbischen Kultur - heute mehr denn je“, sagte der 42-Jährige. Gerade in Zeiten des Strukturwandels und des wiedererstarkten Selbstbewusstseins des sorbischen Volkes brauche es eine professionelle kulturelle Einrichtung. Weitere Abstriche seien nicht zu verkraften, man arbeite bereits an der Substanz.

Der Intendant hofft darauf, dass sich die Bautzener Bevölkerung und die Lokalpolitik noch stärker mit dem Ensemble und seiner Arbeit identifizieren. „Wir sind seit Jahrhunderten eine zweisprachige Region. Wenn man Bautzen als die Hauptstadt der Sorben deklariert, wäre ein stärkerer Zuspruch der Bevölkerung wünschenswert“, sagte Kreibich-Nawka. Sorbisches Leben sei in der Region früher stärker im Bewusstsein der Menschen verankert gewesen. Mitunter sei der Saal nicht ausreichend gefüllt. „Wir sind kein Mainstream, kein herkömmliches Theater, das sich aus dem Katalog von Stücken bedienen kann. Wir müssen jeden Stoff selbst entwickeln.“

In diesem Jahr will das SNE unter anderem eine der letzten Produktionen aus dem DEFA-Trickfilmstudio vollenden. Der Streifen „Als es noch Wassermänner gab“ war 1989 nur in deutsche Sprache produziert worden. Nun soll er sowohl ins Obersorbische als auch ins Niedersorbische übertragen werden, zudem gilt es, die Musik neu einzuspielen. Der Wassermann ist eine legendäre Sagenfigur der sorbischen Kultur. Das SNE will den Trickfilm auch als Bildungsprojekt nutzen, um Grundschüler an Musik heranzuführen. „Die Mädchen und Jungen sollen ein Orchester mit den verschiedenen Stimmgruppen kennenlernen. Zum Finale wird dann der Trickfilm gezeigt“, verriet der Intendant.

Zu Beginn der neuen Spielzeit soll am 18. und 19. August das Oratorium „Die Ernte“ des sorbischen Komponisten Korla Awgust Kocor (1822-1904) erklingen. Im September kommt als Uraufführung ein weiteres Oratorium hinzu: Das 1942 von Bjarnat Krawc (1861-1948) komponierte Stück „Krieg und Frieden“ soll als Tanztheater in Szene gesetzt werden. Im November folgt die Produktion „Kommen und Gehen“, die sich mit den Bräuchen der Sorben bei Tod und Geburt befasst. Beim Musikfest Schmochtitz will das National-Ensemble am 30. Juni „Polnische Nächte“ zelebrieren, nachdem im vergangenen Jahr Tschechien im Mittelpunkt des musikalischen stand.