Berlin - Lassen Sie sich ebenso gerne wie ich gelegentlich einmal zu bestialisch brummenden Basstönen vom Beat einer Bullenpeitsche bestriegeln? Insbesondere, wenn dazu ein berühmter Baritonsänger „Es ist nicht genug, nein, es ist nicht genug“ barmt? Dann sollten Sie „Soused“ hören, das neue Album von SunnO))) und Scott Walker!

Es ist ein Fest für alle Freunde ohrenzerfetzenden Lärms mit sadomasochistischen Unter- und Obertönen; aber auch alle anderen kulturell aufgeschlossenen Menschen können darin Inspiration und Entspannung finden. Und Erkenntnis: In den fünf jeweils zirka zehnminütigen Songs, die zum Beispiel „Bull“, „Fetish“ oder „Lullaby“ heißen, wird die Weihnachtsgeschichte aus dem Matthäus-Evangelium ebenso zum Thema gemacht wie britische Renaissancekompositionen oder Marlon Brando.

In Mönchskutten auf die Bühne

Seit Anfang der Nullerjahre hat das kalifornische Duo SunnO))) an der Verfeinerung und Entwicklung seines eigensinnigen musikalischen Stils gearbeitet. Greg Anderson und Stephen O’Malley kombinierten ihre Lieder zunächst zumeist nur aus lang ausschwingenden sowie körperlich unangenehm vibrierenden Gitarrenrückkopplungsgeräuschen; dabei pflegten sie, zu ihren rücksichtslos laut ausgepegelten Konzerten – in Berlin waren sie etwa in der Volksbühne oder im Berghain zu sehen – in Mönchskutten auf die Bühne zu kommen.

Doch bereits auf ihrem letzten Studioalbum, „Monoliths and Dimensions“ aus dem Jahr 2009, beschmückten sie ihren derart spirituell umflorten Krachminimalismus mit Posaunenklängen, persischem Soprangesang und einer perlenden Harfe. Schon damals, sagen sie, hätten sie auch Scott Walker zur Mitarbeit eingeladen; doch nahm dieser sich fünf Jahre später erst für sie Zeit.

Denn vorher musste Walker – der in den Sechzigern mit dem Teenie-Trio The Walker Brothers und Liedern wie „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ berühmt wurde und sich danach dem konsequent dissonant geknödelten Kunstlied zuwandte – noch sein letztes Soloalbum „Bish Bosch“ fertigstellen. Darauf rezitierte er beispielsweise römisch notierte Zahlenreihen in melodischer Form , als ob sie englische Buchstaben wären.

Oder er sang in einem Lied über die Erschießung Nicolae Ceausescus einen Multiple-Choice-Bogen vor, mit dessen Hilfe der eigene Hang zu paranoid-diktatorischem Verhalten erkannt werden kann – alles in der ihm inzwischen zu eigen gewordenen Art eines Gesangs, der sich virtuos gegen die eigene Virtuosität wehrt: gewalttätig gequetscht, flach ausgewalzt und dann wieder ungesund aufgeblasen. Dazu wurden Macheten in rhythmischer Weise gewetzt oder bellten Hunde den Beat.

Wenn man „Bish Bosch“ jetzt noch einmal wiederhört, versteht man sofort, warum SunnO))) sich für die Arbeit mit Walker interessierten: So wie sie den Sound der elektrisch verstärkten Gitarre auf seine reine Materialität reduzieren und gerade dadurch ins Metaphysische weiten, so erkundete auch Walker in seinen letzten Werken stets die Grenze zwischen dem reinen Geräusch und der Schönheit, zwischen der sprach- und sinnvorgängigen Kargheit des Stammelns und dem mit Sinn pompös überladenen Ausdruck des Kunstlieds.

Mariniert oder begossen

Umso erstaunlicher hört sich aber nun an, was aus der gemeinsamen Arbeit entstanden ist. Auf „Soused“ – was man auf deutsch wahlweise als „mariniert“, „begossen“ oder „sternhagelvoll“ übersetzen kann – herrscht gerade keine Kakophonie; es werden keine Dissonanzen gefeiert, kein selbstbezüglicher Lärm.

Vielmehr bieten Scott Walker und SunnO))) hier die melodischsten Lieder dar, die man jemals (im Fall von SunnO)))) oder seit sehr langer Zeit (im Fall von Walker) von ihnen zu hören bekam. Anderson, O’Malley und der Gastgitarrist Tos Nieuwenhuizen entwickeln ihre flächigen Feedbackfiguren aus Radio-Rock-artigen Power-Akkorden; Walker lässt seine Stimme wie in Schlagertagen wieder in strahlende Höhen steigen; im abschließenden „Lullaby“ findet er gar in ein liebliches „la-di-da-di-dei“. Gegen derlei geradezu verzweifelten Wohlklang wirkt die grundlegend bleibende Gewalttätigkeit dieser Musik aber noch stärker denn je. An der Bullenpeitsche ist übrigens Peter Gamble zu hören, ein britischer Peitschenmeister, der sein Handwerk auch an die nächste Generation weitergibt.

Scott Walker + SunnO))): Soused (4AD/Beggars/Indigo)