Grünenpolitiker Cem Özdemir, porträtiert von Sedat Mehder.
Foto: Sedat Mehder: „Die üblichen Verdächtigen/The Usual Suspects“, 2002

BerlinDas Wort „United“ leuchtet grell von den sechs Säulen des Brandenburger Tors auf den Pariser Platz. Obwohl das Festival of Lights in vollem Gange ist, tummelt sich in diesem Jahr nur eine überschaubare Touristenmasse für das beste Foto vor dem Berliner Wahrzeichen. Nur einen Steinwurf entfernt laufen in der Akademie der Künste Schwarz-Weiß-Aufnahmen türkischstämmiger Politikerinnen und Politiker über eine Leinwand. In Frontalaufnahme stehen sie vor einer Wand mit Größeneinteilung und halten ein Namensschild in den Händen: Man fühlt sich ein wenig an erkennungsdienstliche Polizeiaufnahmen vergangener Tage erinnert. „Die üblichen Verdächtigen“ heißt die Serie des Fotografen Sedat Mehder, die unter unter anderem Dilek Kalayci, Evrim Sommer und Cem Özdemir zeigt. Sie thematisiert versteckten Rassismus und verweist auf die Kluft zwischen politischer Verantwortung und alltäglicher Diskriminierung.

Dass diese Aufnahmen fast zwanzig Jahre nach ihrer Entstehung kaum etwas an Aktualität eingebüßt haben, ist Ausdruck einer unerträglichen Entwicklung, die am Montagabend den Kern des 15. Akademiegesprächs bildete. „Gegen die Zerstörung der offenen Gesellschaft“, lautete das Thema des Gesprächs, bei dem die Autorin Priya Basil, die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn, die AdK-Präsidentin Jeanine Meerapfel und der Grünenpolitiker Cem Özdemir – gemeinsam mit der Moderatorin Shelly Kupferberg – die Frage zu klären versuchten, wie Rassismus und Diskriminierung bekämpft und wie kulturelle Vielfalt erhalten werden kann.

Eine Lösung wurde an diesem Abend zwar keine gefunden. Aber: „Jede Erkenntnis beginnt mit der richtigen Frage“, sagte Jeanine Meerapfel gleich zu Beginn der Veranstaltung. Sie gab damit auch die Stoßrichtung des Abends vor, bei dem es letztlich nicht um die konkrete Beantwortung der jeweiligen Fragen ging, sondern vielmehr darum, sie mithilfe von Kultur neu zu stellen.

Auch bei den Diskussionen war sich das Quartett nicht immer einig. So behauptete etwa Jeanine Meerapfel, die sozialen Medien hätten einen außerordentlichen Anteil am Anwachsen des gewalttätigen Rassismus. Sie würde diese folglich gleich ganz boykottieren. Horn zeigte sich dagegen nicht überzeugt, dass ein Boykott hilfreich sei und wünschte sich mehr staatliche Reglementierung, um diesem „Krebsgeschwür der Post-Truth-Zeit“ Einhalt zu gebieten.

Wer weiß, vielleicht wird dadurch ja auch die Botschaft der Leuchtbuchstaben am Brandenburger Tor einmal Wirklichkeit.