Die Regime der Kulturalisierung greifen an. Darstellung von Schauspielern bei einer Fechtübung (von 1621).
Foto: imago images/Artokoloro

BerlinAuf das Entsetzen über den Terroranschlag vom 11. September 2001 folgte naives Staunen. Die Frage „Warum hassen sie uns so?“ brachte ja vor allem die Verblüffung über eine bis dahin übersehene kulturelle Differenz zum Ausdruck. Im Schatten einer rasanten Entfaltung freier Märkte und Lebensformen war ein mörderischer Fundamentalismus mutiert, der das Selbstverständnis der westlichen Welt bis ins Mark traf und das allgemeine Sicherheitsgefühl erschütterte.

Sieht man einmal von der sektiererischen Verbissenheit terroristischer Gruppierungen ab, so schien hier eine allgemeine Dynamik am Werk zu sein, die der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington Mitte der 90er-Jahre unter dem Schlagwort vom „Kampf der Kulturen“ zusammengefasst hatte. Entgegen der Annahme, dass die wirtschaftliche Globalisierung neue Chancen für viele eröffnet und die Menschen näher zueinander führt als jemals zuvor, sah Huntington unüberwindliche Antagonismen.

Die Gesellschaft unterliegt einem dramatischen Wandel

Während in der Zeit des Kalten Krieges regionale und religiöse Konflikte angesichts der Konfrontation der großen politischen Blöcke wie eingefroren schienen, traten diese nach 1989 in veränderter Gestalt und in ganz neuen Bewusstseinslagen unter großen Eruptionen offen zutage. Hatte Huntington mit seiner Diagnose vom Entstehen neuer hegemonialer Konfliktlinien also doch recht?

Nein, sagt der an der Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder lehrende Soziologe Andreas Reckwitz, der in seinen neuen Studien unter dem Titel „Das Ende der Illusionen“ anstelle des einfachen Musters vom Zusammenprall der Kulturen ein erweitertes Bild der derzeit so widersprüchlichen politischen und sozialen Verhaltensweisen zu zeichnen versucht. Dabei geht es ihm weniger um die politische Großwetterlage als um die örtlichen Schauer, durch die der einzelne hindurch muss.

Andreas Reckwitz ist Verfasser des Buches "Das Ende der Illusionen".
Foto: imago images/Future Image

Mehr denn je scheint sich der weltweit vollziehende soziale Wandel gleich um die Ecke an der Bushaltestelle bemerkbar zu machen. Politischen Fahrplänen jedenfalls ist nicht mehr zu trauen. Was um Himmels willen hat die Anziehungskraft autoritärer Patriarchen auf so viele Wähler in eben noch als stabil angesehen Demokratien entfacht? Es zeugt von einem dramatischen Wertewandel, dass nicht nur die jungen Leute von der Fridays-for-Future-Bewegung besorgt fragen, warum rationale Gesellschaften plötzlich ohne Not bereit sind, sich abzuschotten und wissenschaftliche Erkenntnisse in den Wind zu schlagen. War gesellschaftlicher Fortschritt lange an der Übereinkunft auf gesichertes Wissen orientiert, so befinden sich die Propagandisten zwanghafter Bekenntnisse inzwischen sogar in höchsten Regierungsämtern.

Hyperkultur: Wenn die Selbstverwirklichung das Wichtigste ist

Was wie ein schwer zu deutendes Zerrbild erscheint, setzt sich für Reckwitz aus vielen Puzzleteilen sozialer Differenzierung zusammen. Anstelle eines Kampfes der Kulturen beschreibt er forcierte Kämpfe um Kultur. Der Riss verläuft nicht nur zwischen einzelnen Ländern und Kulturkreisen, sondern auch innerhalb der jeweiligen Gesellschaften. Anstelle eines Zwists zwischen diversen Kulturen und ihren kulturellen Mustern, so Reckwitz, „beobachten wir in der Spätmoderne einen sehr viel grundsätzlicheren Widerstreit zwischen dem, was ich zwei konträr aufgebaute Regime der Kulturalisierung nennen will“.

In der Spätmodern werden Berlin und Seattle, Amsterdam und Singapur kulturell gedacht, das heißt entlang von Attraktivität, Authenzität und Lebensqualität bewertet.

Andreas Reckwitz in seinem Buch "Das Ende der Illusionen"

Das Regime, das Reckwitz Hyperkultur nennt, ist in den 80er-Jahren entstanden und begreift die globale Kultur „als ein einziges riesiges Reservoir vielfältiger Ressourcen der Selbstverwirklichung“. Alles ist möglich und dient einer schier grenzenlosen Kombinierlust zur Entfaltung des Ich. Mangel wird in der Hyperkultur bevorzugt ignoriert. „Die zentrale Stütze der Märkte der Hyperkultur“, schreibt Reckwitz, „ist der globale kulturelle Kapitalismus, die stetig wachsende creative economy von der Computer- und Internetbranche über Design und Architektur bis zum Tourismus.“ Wenn es gelingt, verheißt das Leben in der Hyperkultur vor allem Hinzugewinne individueller Freiheit.

Natürlich gibt es Risiken und Nebenwirkungen. Sie äußern sich in psychischen Erkrankungen wie dem Burn-out-Syndrom. Der vollends auf Selbstverwirklichung erpichte einzelne macht immer öfter die Erfahrung eines „erschöpften Selbst“, wie es der französische Soziologe Alain Ehrenberg genannt hat. Wer sich an das Leben auf der Überholspur gewöhnt hat, vermag Zwischenstopps und Leerlauf nicht zu ertragen.

Kulturessentialismus: Geborgenheit in der Gesellschaft

Dagegen haben die Vertreter des Kulturessentialismus – das andere Regime der Kulturalisierung – allenfalls Placeboeffekte anzubieten. Zu ihnen rechnet Reckwitz die fundamentalistischen Religionskondensate ebenso wie einen in vielen Ländern erstarkten Kulturnationalismus, etwa in Russland, China oder Indien, ferner die rechtspopulistischen und identitären Bewegungen in Europa und Nordamerika. All diese sehr unterschiedlichen Formen eines Kulturverständnisses haben einen zentralen gemeinsamen Ausgangspunkt: „die kollektive Identität einer Gemeinschaft“.

Die Illusion, die Andreas Reckwitz beschreibt, ist eine doppelte. Aufstiegserwartungen, die lange an   Fortschrittsideale geknüpft waren, sind ins Stocken geraten und haben die Attraktivität kultureller Rückwendungen erhöht, die Geborgenheit in der Gemeinschaft verheißen.

Der soziologische Jargon des Autors erfordert einen konzentrierten Leser, der dafür aber mit einem Deutungsmodell belohnt wird, durch das sich die oft gegenläufigen und irrational erscheinenden politischen und sozialen Zeiterscheinungen ordnen lassen.

Die Mächtigen der Welt etablieren Schulhof-Logik

In den sich neu verteilenden politischen Konflikten und Begegnungsformen treffen nicht allein unterschiedliche Sozialisationsvarianten aufeinander. Vielmehr werden das Feld der Etablierung kultureller Werte sowie das Bedürfnis und das Recht, diese zu vertreten, zum zentralen Schauplatz der Durchsetzung individueller Entfaltungsstrategien und gesellschaftlicher Deutungshoheit. Nicht einmal die Sphären von großer Politik und individueller Selbstbehauptung scheinen noch voneinander getrennt. Donald Trump, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan haben die Logik des Schulhofs in der Weltpolitik etabliert, in der die Schlauen, Starken und Dreisten miteinander konkurrieren.

Das Alltagsleben war nie frei davon. Bereits nach Verlassen der Wohnung befindet man sich in einem lebenspraktischen, oft auch ideologisch erbittert geführten Kampf um ökonomische Güter, Anerkennung, und Mobilitätsbedürfnisse. Während moderne Gesellschaften stark von Anpassung, Konvention und den Normen des Gemeinwesens geprägt waren, zählen in der Spätmoderne vor allem auch Werte, die man sich selbst gibt – und kann schließlich doch keinen Meter zurücklegen, ohne von anderen bewertet zu werden.

Schwäche als notwendige Phase und Ausdruck von Freiheit

Gibt es einen Ausweg, eine alternative Form der Kulturalisierung, die auf das Kollektiv ausgerichtet und zugleich nichtessentialistisch wäre? Andreas Reckwitz schlägt hier die Arbeit an einer Kultur des Allgemeinen vor, die etwa über das Bildungswesen zu bewerkstelligen wäre und dessen auf allgemein verfügbare und vermittelbare Güter ausgerichtete Institutionen. Das klingt angesichts der sich zuspitzenden Dramen, die in der Hyperkultur und durch den Kulturessentialismus entfesselt werden, seltsam defensiv.

Bedarf es jenseits der Adressierung an staatliche Einrichtungen nicht vielmehr einer anerkannten Kultur des Nachlassens, die Schwäche nicht als Makel begreift, sondern auch als notwendige Phase vor der Bewältigung neuer Zumutungen und Herausforderungen. Luftholen und Durchatmen dienten dann nicht nur der körperlichen Entspannung, sondern könnten auch das Rüstzeug abgeben, um sich in den aufgezwungenen Kulturkämpfen zu behaupten. Aus dieser Perspektive stellte Willensschwäche kein zu vermeidendes Handeln wider besseres Wissen dar, sondern wäre ein Ausdruck von Freiheit und der Ruhe vor der Schaffenskraft.

Andreas Reckwitz: Das Ende der Illusionen Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne, Edition Suhrkamp, Berlin 2019, 306 Seiten, 18 Euro