Seit 1990 wandern immer mehr Israelis in Deutschland ein, in Israel wird das mit Sorge gesehen, in der deutschen Gesellschaft eher als ein hoffnungsvolles Zeichen. Vor allem Berlin scheint gerade unter jungen Israelis ein Sehnsuchtsort zu sein. Deren Zahl wird jedoch überschätzt, wie Dani Kranz von der Bergischen Universität Wuppertal festgestellt hat, die dort ein Forschungsprojekt zur israelischen Emigration nach Deutschland leitet.

Wenn man in Berlin lebt, hat man das Gefühl, dass die Zahl der Einwanderer aus Israel in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Deckt sich das mit Ihren Erkenntnissen?

Ja, sie ist gestiegen, aber proportional kaum mehr als die Einwanderung aus anderen Ländern. Der Anteil der Israelis wird immer hemmungslos überschätzt. Es gibt keine 30.000 Israelis in Berlin, es waren 2014 knapp 4000 und 2015 genau 4398, dann kommen noch 2532 mit doppelter Staatsbürgerschaft dazu, das heißt es leben weniger als 7000 Israelis permanent in Berlin.

Und deutschlandweit?

Da waren es zum Stichtag 31. Dezember 2015 genau 12.835 israelische Staatsbürger. Wenn man dann noch die Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft oder israelischem Migrationshintergrund dazunimmt kommt man auf etwa 16.000, zusätzlich schätzen wir, dass noch 4000 mehr Menschen unter dem Radar fliegen, allerdings sind es nicht mehr als 20.000 Menschen, die im näheren oder weiteren Sinne Israelis sind . Dafür, dass die Zahl so massiv überschätzt wird, gibt es sowohl ideologische Gründe und auch eine Erklärung, die in dem auffälligen Verhalten der Israelis liegt.

Erklären Sie das bitte.

Es gibt einen deutsch-israelischen Zerrspiegel, man hat ein großes Identitätsinvestment in Israel. Im Hintergrund steht die Schoah, allerdings hat sie für die junge Generation der Deutschen und Israelis keine so große Bedeutung mehr. Man ist einfach neugierig auf diesen „ Anderen“. Die Israelis fallen auch deshalb auf, weil das Hebräische fremd klingt, aber Israelis als weiß wahrgenommen werden. Das heißt, sie sehen nicht anders aus, aber sie klingen anders. Außerdem sind sie untereinander viel lauter als Deutsche, es ist auch eine Kultur, die mehr Nähe beinhaltet, der persönliche Raum ist viel geringer. Eine kleine Zahl engagiert sich auch laut und politisch, man findet da alles – Engagement für israelisch-palästinensische Begegnungsräume bis zu Fundamentalkritik an Israel. Das macht sie auffällig.

Können Sie die Auswanderer näher beschreiben?

Es sind in der Mehrheit – etwa 70 Prozent – Aschkenasim, also europäische Israelis, mehr als 80 Prozent sind nach 1974 geboren, mehr als 50 Prozent sind ledig, 54 Prozent der Verheirateten haben deutsche Ehepartner, mehr als 60 Prozent haben einen Bachelor oder einen höheren akademischen Abschluss, gelten also als hoch qualifiziert. Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaftler sind mit 72 Prozent überrepräsentiert, politisch gesehen sind 80 Prozent moderat bis links. Wobei links säkular beutetet, aber nicht antizionistisch. Der Anteil von Nachfahren von Jeckes, also deutschen Juden, liegt bei 30 Prozent, 70 Prozent bezeichnen sich als säkular.

Was sind die Gründe, Israel zu verlassen. Die Politik, die zunehmende Bedeutung der Religion, der Konflikt mit den Palästinensern?

Alles zusammen. Vorgeschoben werden berufliche und ökonomische Gründe und auch die deutsche Kultur. Deutschland hat einen sehr hohen Status in Israel. Dann spielen Bildungsmöglichkeiten eine Rolle, oder dass man einen deutschen Partner hat oder Verwandte, die aus Deutschland kommen. Für 40 Prozent ist die politische Lage in Israel Grund für die Auswanderung, dann wird auch die Unmöglichkeit, ökonomisch weiterzukommen genannt. Die israelische Wirtschaft ist besonders gelagert. Im Ausland gilt Israel als Hightech-Land, aber viele Entwicklungen kommen aus dem Militärbereich, der Konflikt im Nahen Osten beeinflusst also die Ökonomie, deshalb gibt es auch so viele Auswanderer aus dem Kulturbereich. Die Religion wird von mehr als 46 Prozent als übergriffig erlebt. Diesen Israelis wird Israel zu jüdisch, sie sehen sich in erster Linie als Israelis nicht als Juden. Ein Migrant muss aber immer mit dem Land, das er hinter sich lässt, unzufrieden sein, denn Auswanderung birgt ein immenses Risiko – wirtschaftlich und emotional.

Wie stellt man sich denn Deutschland in Israel vor?

Das ist teilweise sehr naiv. Man denkt, dass das Leben sehr viel leichter ist, man stellt sich nicht vor, wie stark die kulturellen Unterschiede sind. Europäischer Jude in Israel zu sein, ist etwas ganz anderes, als israelische Aschkenasi in Deutschland zu sein. Ungefähr 20 Prozent der von uns Befragten suchen in Deutschland das Abenteuer. Aber man braucht in Deutschland spezifische Abschlüsse. Solche Abschlüsse anerkennen zu lassen, ist extrem schwierig und wenn ich die deutsche Sprache nicht kann, komme ich nicht weit. Das Gros der Israelis ist zwischen ein und sechs Jahren hier. Am Anfang gibt es eine Honeymoon-Phase, dass man sich hier frei bewegen kann, alles berechenbarer ist, aber wenn man auf Dauer hier ist, ist irgendwann die rosarote Brille weg.

Wissen wie groß der Prozentsatz derjenigen ist, die zurückgehen?

Den kann man statistisch kaum greifen. Ein deutscher Wohnsitz kostet nicht viel, das heißt man kann ihn ewig aufrechterhalten. Und viele Israelis melden sich in Israel gar nicht ab.

Wie sieht es mit der Auswanderung deutscher Juden nach Israel aus?

Das sind pro Jahr etwa 100 Menschen, die auf der Basis des Rückkehrrechts nach Israel einwandern. Es sind nicht unbedingt Juden, ein Großelternteil muss Jude sein oder gewesen sein. Ehepartner und Kinder des Einwanderungsberechtigten können mit einwandern. Ich würde sagen 50 Prozent kommen wieder zurück nach Deutschland. Das liegt auch daran, dass Israel über informelle Netzwerke funktioniert. Und als Migrant habe ich immer ein schwächeres Netzwerk.

Das Gespräch führte Susanne Lenz.