Wer hätte gedacht, dass Ostdeutsche gelassener in die Zukunft blicken als Westdeutsche? Dass vielen Deutschen die Arbeit so wichtig ist, dass sie auch arbeiten würden, wenn sie das Geld nicht bräuchten. Dass sie weiter Handarbeit verrichten wollen, kein Interesse an einem roboterbetriebenen Haushalt haben. Und dass sie großen Wert auf Gemeinschaft legen, und sie sich wünschen, dass das so bleibt. All dies hat die Soziologin Jutta Allmendinger in ihrer Vermächtnisstudie herausgefunden.

Mehr als 3.100 Menschen zwischen 14 und 80 Jahren wurden im Herbst 2015 befragt, eine Wiederholungsbefragung fand 2016 statt. In einem Buch hat sie die Ergebnisse dargestellt.

Sie sind bei Ihrer Studie in drei Schritten vorgegangen – Wie ist es heute? Wie soll es werden? Wie wird es sein? – Könnten Sie die Ergebnisse kurz zusammenfassen?

Zunächst zum Heute. Die Menschen in Deutschland sind sehr auf ein Miteinander eingestellt. Ihnen ist Nähe wichtig, Gemeinsamkeit, ein Wir-Gefühl. Dieses richtet sich nicht ausgrenzend gegen die Anderen, sondern sucht das Gemeinsame. Auch die Erwerbsarbeit spielt eine große Rolle. Die meisten Menschen würden sogar auch dann arbeiten, wenn sie das Geld nicht bräuchten. Daran sehen wir, dass sie Arbeit als Moment des Austausches mit anderen und der eigenen Weiterentwicklung schätzen.

Wünschen sich die Menschen, dass das so bleibt?

Bei den wichtigsten Themen – Nähe und Erwerbstätigkeit und mit etwas Abstand auch Kindern – soll es bei den meisten Menschen so bleiben wie es ist. Man möchte keine individualisierte Ellbogengesellschaft. In anderen Bereichen heißt es: Ich bin so, finde das aber nicht richtig gut. So etwa beim Umweltschutz, der Nahrungsmittelproduktion, dem Technikverständnis. In diesen Bereichen rufen die Menschen dazu auf, sich mehr zu engagieren. Auch das Aussehen ist ein gutes Beispiel. Es wird gesagt: Mir ist das Aussehen sehr wichtig, eigentlich sollte es aber um innere Werte und um Leistung gehen. Gewünscht werden positive mediale Diskurse, so wie die Zeitschrift Brigitte ohne Models oder Signale wie aus Frankreich, wo man unterhalb eines bestimmten Body Mass Index’ nicht Model werden kann.

Und was erwarten die Menschen tatsächlich?

Auch hier müssen wir unterschiedliche Bereiche klar trennen. Nehmen wir die Technik: Die Menschen wünschen sich, diese besser zu verstehen und auch mehr zu nutzen. Tatsächlich befürchten sie aber richtig heftige Veränderungen, ein „mehr“, dem sie nicht folgen wollen. Die Menschen wünschen sich kein „smart house“, viele halten auch Handarbeit weiter für wichtig. Dies ist Ausdruck einer Art Überforderung. Die Politik kann also auf die Akzeptanz von technischer Weiterbildung setzen, sollte es aber nicht übertreiben. Ein zweites Beispiel: Umweltschutz und Nahrungsmittelproduktion. Hier wollen die Menschen Veränderungen, gehen aber davon aus, dass es dazu nicht kommen wird. Sie können sich selbst nicht helfen, es zeigt sich Resignation, ja eine Art Kapitulation. Die Politik muss hier regulieren. Einfuhrkontrollen oder eine höhere Besteuerung bei problematischen Produkten sind gute Beispiele.

Was erwarten die Menschen in Bezug auf die ihnen so wichtige Erwerbstätigkeit?

Hier sehen wir einen typischen Verlauf, der als Erosion bezeichnet werden kann. Arbeit ist wichtig, soll wichtig bleiben, aber es wird anders kommen. Die Menschen beobachten sehr genau, was um sie herum geschieht und projizieren dies in die Zukunft. Kassiererinnen sehen, dass schon heute Warencodes automatisch abgelesen werden können. Was passiert dann mit ihnen? Ähnlich sieht es bei Lokomotiv- und U-Bahn-Fahrern oder für einige Reinigungsberufe aus.

Was angesichts des enormen Stellenwerts von Arbeit tragisch ist.

Richtig. Dennoch sind die Menschen in Deutschland keine Jammerlappen. Sie vertragen es, wenn man ihnen sagt: Jetzt macht mal eine Teilzeitweiterbildung, damit ihr auch in Zukunft einen Job habt. Die Menschen erwarten Transparenz und politische Tatkraft. Die Politik scheut sich, wie ich finde.

Was hat Sie am meisten überrascht?

Ich forsche über soziale Ungleichheit und es hat mich schon sehr erstaunt, ja positiv überrascht, dass sich die Menschen in ihren Einstellungen heute zwar sehr nach Alter, Bildung, Geschlecht und Migrationserfahrung unterscheiden, nicht aber in dem, was sie sich wünschen. Es gibt einen Kern geteilter Wertvorstellungen. Dies muss nicht die eine Leitkultur sein. Man kann auch darin einig sein, dass man sich uneinig ist, und dies akzeptieren. Schauen Sie sich die Ergebnisse zu den Familienmodellen an. Für manche ist die Ehe wichtig, für andere überhaupt nicht. Aber das finden die Leute vollkommen in Ordnung. Da ist die Leitkultur eine der Pluralität. Es freut mich, dass wir nicht in einem Land leben, in dem man auf gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften herabsieht. Oder auf Patchworkfamilien.

Mich hat die Einstellung zum Thema Besitz überrascht, wo doch oft die wachsende Ungleichheit in unserer Gesellschaft beklagt wird.

Mich auch. Irgendwie gehört es zu der DNA Deutschlands, dass daran wenig gerührt wird. Selbst diejenigen, die gar keinen Besitz haben, sagen: Das was ich habe, muss in der Familie bleiben. Wenn die Menschen über soziale Ungleichheit nachdenken, fordern sie eher höhere Spitzensteuersätze und Obergrenzen von Einkommen. Selbst in den höchsten Einkommensgruppen sind das immer noch 35 Prozent. Die Menschen fordern auch einen Sockel am unteren Ende, in Form von Mindestlöhnen.

Sympathisch wurden mir die Deutschen beim Thema Solidarität. Haben Sie so wenig Ellbogengesellschaft erwartet?

Die Menschen setzen auf die staatliche Absicherung von Risiken und lehnen eine Privatisierung weitgehend ab. Sie setzen damit auf Umverteilung und Solidarität, richtig. Wir sehen das bei der Rente, aber auch im Bereich der Gesundheit. Gerade hier gilt nicht die Leistungsfähigkeit, sondern die Bedürftigkeit. Aber 70 Prozent der Befragten befürchten, dass es in Zukunft eine bessere Krankenversorgung für die geben wird, die mehr bezahlen.

Sie haben sich für ein in der quantitativen Forschung noch nie angewandtes Verfahren entschieden und Sinneswahrnehmungen erhoben? Wie haben Sie das gemacht und warum?

Wir haben uns gefragt, wie wir die Menschen dazu bekommen, die Interviewsituation zu vergessen und uns ihre Meinungen offen anzuvertrauen. Zunächst wollten wir mit ihnen einen Waldspaziergang machen, aber bei über 3000 Menschen war das nicht praktikabel. Als Ersatz haben wir die Sinne der Menschen angesprochen, mit Hilfe von Düften, Oberflächen zum Anfassen oder Rhythmen. Das hat erstaunlich gut funktioniert. Bei der Frage: Wie ist es jetzt?, sollten sie sich für einen Sinneseindruck entscheiden, etwa einen Duft. Dabei denken die Menschen auf die Gegenwart bezogen, eher an all das, was ihnen Gutes widerfahren ist, das Schlechte wird in den Hintergrund gerückt. Daher wählt die große Mehrheit positiv besetzte Düfte wie Grapefruit oder Rose. Aussagen über ihren Lebensverlauf machen die Befragten über die Bewertung von Oberflächen, glatt oder wellig zum Beispiel. Das Verhältnis zur Arbeit versuchten wir in unserer Studie, über die Wahrnehmung von Rhythmen zu ermitteln. Man kann also fragen, ob sich die Sozialforschung viele traditionelle Fragen sparen kann, wenn sie auf Sinnesreize setzt.

Was die Erwartungen für die Zukunft angeht, ist die Mehrheit der Befragten besorgt. Aber Ostdeutsche und Menschen mit eigener Migrationserfahrung haben eher positive Erwartungen. Warum ist das so?

Wenn die Menschen mit eigener Migrationserfahrung in diesem Land angekommen sind, vergleichen sie ihre Zukunft hier mit der Zukunft im Herkunftsland. Dieser Vergleich fällt meist sehr positiv aus. Auch wenn sie selbst heute Kärrnerarbeit machen bei teilweise geringem Verdienst und unterhalb ihres Qualifikationsniveaus, vertrauen sie darauf, dass ihr Leben besser werden wird. Auch ostdeutsche Befragte sehen meist einen Entwicklungskorridor und wollen nicht mehr zurück in die DDR.

Frappierend ist das geringe politische Interesse der Jungen. Für die Demokratie ist das fatal, oder?

In ersten Studie war das Interesse in der Tat sehr niedrig, aber in der Wiederholungsstudie 2016 haben wir eine Politisierung junger Menschen festgestellt. Man sieht dies auch an Parteieintritten und an der zunehmenden Wahlbeteiligung. Es gilt, klare Botschaften und Programme zu vermitteln, in denen sich die Jungen auch wiederfinden. Darüber hinaus müssen wir dringend über eine Wahlberechtigung mit 16 nachdenken. Ich unterrichte an der Uni teilweise Menschen, von denen ich politisches Wissen erwarte, wählen dürfen sie aber nicht.

Das Wir-Gefühl in Bezug auf die Gegenwart hat abgenommen, wie die Wiederholungsstudie 2016 zeigt. Was sind die Gründe?

Der Flüchtlingsdiskurs war nicht gut für uns. Botschaften der Ausgrenzung haben auch Menschen schwer getroffen, die selbst Migranten sind und schon lange mit uns leben – als Nachbarn, Arbeitskollegen und Freunde. Sie fühlen sich ausgegrenzt. Wir sehen das daran, dass insbesondere Menschen mit eigener Migrationserfahrung 2016 ein viel niedrigeres Wir-Gefühl empfunden haben als noch 2015. Ich habe es geschätzt, dass die Bundeskanzlerin sagte: Wir schaffen das. Aber die Mehrheit der Deutschen wusste nicht, wie das gehen sollte und fühlt sich überfordert. Hier hätte die Politik überzeugend Wege aufzeigen müssen.