Kürzlich meldete der Zsolnay-Verlag eine „sensationelle Entdeckung“: Im Nachlass Arthur Schnitzlers sei ein „frühes Meisterwerk“ gefunden worden, die Novelle „Später Ruhm“. Verfasst 1894, also im selben Jahr wie die Erzählung „Sterben“, in welcher der junge Schnitzler bereits mit dem inneren Monolog experimentierte, den er mit „Lieutenant Gustl“ zur Perfektion trieb. Und ein Jahr vor „Liebelei“, seinem ersten großen Bühnenerfolg, der ihn berühmt machte.

Nun liegt die Novelle in Form eines schön gemachten Buches dem Publikum vor, das sich zunächst einmal freuen darf. Ein neuer Text des großen österreichischen Dramatikers und Erzählers, erstmals überhaupt veröffentlicht, ist für jeden Liebhaber deutschsprachiger Literatur ein Leckerbissen.

„Später Ruhm“ ist kein Hauptwerk, doch zeigt sich der Text als fein zwischen Komödie und Melancholie ausbalancierte Erzählung über die verborgenen Sehnsüchte des Alters nach jugendlicher Leichtigkeit und Wertschätzung. Sie bietet zudem eine köstliche Parodie auf den Literatur- und Lesungsbetrieb, die vor allem von ihrem leichtfüßigen und wunderbar ironischen Erzähler lebt.

Einige Kritiker und Feuilletonisten aber rufen jetzt: Vorsicht! Der Text sei ein alter Hut. So ist um die Publikation des „Späten Ruhms“ ein bizarrer Streit entbrannt, der den Tragikomiker Schnitzler amüsiert hätte und einiges über unser Verhältnis zur Literatur aussagt: Sensation oder nicht, das ist hier die Frage. Der Text selbst interessiert nur noch am Rande. Die Germanistin und Präsidentin der Wiener Schnitzler-Gesellschaft Konstanze Fliedl hat sich zu Wort gemeldet und sachlich bekundet, dass die Novelle mitnichten verschollen, sondern den Literaturforschern seit Langem bekannt und in der Cambridger Universitätsbibliothek greifbar gewesen sei. Das stimmt.

Zsolnay-Verlag darf man aber auf die Schultern klopfen

Schnitzlers Sohn Heinrich hatte nach dem „Anschluss“ Österreichs mit Hilfe eines englischen Studenten und des britischen Konsuls in Wien (ein Hoch auf die Briten!) den Nachlass seines 1931 verstorbenen Vaters nach Cambridge gerettet. Als jüdischer Schriftsteller der frühen Moderne, der als einer der Ersten die Theorien Freuds in der Weltliteratur nicht nur verhandelte, sondern sie sogar antizipierte, hatte Schnitzler zu jenen Autoren gehört, deren Bücher die Nazis verbrannten.

In einigen österreichischen und deutschen Medien nahm man die Erörterung Fliedls zum Anlass, es dem Zsolnay-Verlag nachzutun und ein wenig Marktgeschrei zu betreiben. Von einer „Mogelpackung“ war da die Rede, vom eigenmächtigen Hinwegsetzen der Herausgeber über den letzten Willen Schnitzlers, der die Novelle bewusst unpubliziert gelassen, weil sie ihm nicht gefallen habe. Das stimmt so nicht.

In ihrem Nachwort zum „Späten Ruhm“ (dessen ohnehin schon ironischer Titel immer treffender wird) erläutern die Herausgeber, dass Schnitzler den Text für die Publikation in der Zeitschrift Die Zeit vorgesehen, dann aber davon Abstand genommen hatte, weil die Novelle durch die Zerstückelung in Fortsetzungen ihrer Wirkung beraubt worden wäre.

Schnitzler zählte den Text zwar nicht zu seinen großen Leistungen, notierte aber im Tagebuch 1894: „scheint nicht übel gelungen“ sowie „einige sehr gute Stellen“.

Keine Sensation, kein verschollenes Meisterwerk. Der Marketingabteilung von Zsolnay darf man aber auf die Schultern klopfen: Das Buch ist im Gespräch, und das ist gut so, ist doch nahezu jeder Schnitzler-Text kostbarer als das meiste, was sich auf unseren Bestseller-Listen herumtreibt. Worum aber genau geht es im „Späten Ruhm“?

Eduard Saxberger, ein Wiener Beamter, der kurz vor der Pensionierung steht, erhält eines Tages überraschenden Besuch. Ein junger Mann steht vor seiner Tür, ein Schriftsteller, Mitglied des literarischen Vereins „Begeisterung“. Dort hat man kürzlich die vergessenen „Wanderungen“ entdeckt und enthusiastisch aufgenommen, jenen Gedichtband, der Saxberger vor Jahrzehnten einen kurzen Ruhm beschert hatte.

Der ist lange vorbei, der kinderlose Junggeselle lebt ein beschauliches Leben, dessen Höhepunkte die Wirtshausbesuche in der „Blauen Birne“ sind. Nun aber reißen die jungen Künstler, darunter eine erotische Schauspielerin, den alten Mann aus seiner Verknöcherung. Man feiert ihn und hält sogar eine gemeinsame Lesung, die für Saxberger jedoch traumatisch wird: „Armer Teufel“ hört er jemanden im Publikum sagen. Das weist voraus auf die Bemerkung „dummer Bub“ des Bäckermeisters im „Lieutenant Gustl“. Beide Worte hallen den Protagonisten im Kopf nach und leiten eine Wende in ihrem Leben ein.

Schließlich erkennt Saxberger die Lächerlichkeit des Ruhms und akzeptiert die Tragikomik des Alters, wobei die Posen und Eitelkeiten der Jugend kein Stück besser wegkommen: Ihre eigenen Werke erweisen sich als mittelmäßig, und es stellt sich heraus, dass niemand die „Wanderungen“ gelesen hat. Am Ende ist es der alte Mann, der seine Würde wiedergewinnt. Durch einen klaren Blick und die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen.

Arthur Schnitzler: Später Ruhm. Zsolnay, Wien 2014. 157 Seiten, 17,90 Euro.