The Gob Squad unterwegs in Santa Monica, Kalifornien. 
Foto: Capture Imaging/Garrett Davis

BerlinMit Langzeitperformances kennt sich das Theaterkollektiv Gob Squad bestens aus. Auch mit dem Springen in unbekannte Gewässer, dorthin also, wo das Ende am Anfang nicht mal ansatzweise sichtbar ist. Diese Unerschrockenheit, auch die Lust am Spiel mit einer ständig sich ändernden, unbekannten Umwelt werden sie auch brauchen, wenn sie am kommenden Sonnabend eine ganze Nacht lang durch das Hebbel-Theater und die ganze Stadt streifen, um nach dem besonderen, glücklichen, ja auch magischen Moment zu suchen. Den Moment, in dem Überraschung, Herz und Verstand plötzlich zu etwas Großem, Magischen zusammenschlagen, was Theater wie Leben erst lebenswert macht. 

„Show me a good Time“ heißt der Sommernachtstraum, den sie schon vor dem Corona-Stop geplant hatten und nun zwar nicht vor realem Publikum, dafür aber im Livestream des HAU-Kanals spielen.

Immer ist es Theater, was die Live-Artisten um den Kern der sieben Performer Simon Will, Sean Patten, Bastian Trost, Johanna Freiburg, Berit Stumpf, Sarah Thom und Sharon Smith betreiben, aber selten bleibt der Theaterraum einziger Ort ihrer nomadischen Kunst. Bestückt mit Kameras schwärmen sie fast in jedem Stück ins wirkliche Leben aus und machen zufällige Passanten auf der Straße genauso zu Mitspielern wie willige Zuschauer im Saal.

Nie geht es dabei um billige Selbstdarstellung oder naive Authentizität, vielmehr darum, über die spielerische Selbstreflexion in echten Austausch mit dem Unbekannten zu kommen. Ja, der pathetische Moment der Wahrheit ist den clownesken Gob Squadern immer noch das Wichtigste. Und dieser Moment entzündet sich eben nicht durch Planung, er muss von selbst entstehen durch eine Art poetischer Arbeit am offenen Gespräch mit der Welt - schön nachzulesen ist das auch in der kürzlich erschienenen Monografie „What are you looking at?“ (Alexander Verlag), in der die Performer selbst beredt darüber Auskunft geben.

Mittlerweile zählt die Truppe mit ihren 28 Jahren zu den Veteranen der Postdrama-Szene, und trotzdem darf man, wenn man von Gob Squad spricht, nur in der Verlaufsform sprechen. Denn wie nur wenige setzen sie sich in ihrer spontanen An- und Umverwandlungskunst der Echtzeit des Alltags aus, suchen die Kunst im alltäglichen Leben, das sich trotz Insta&Co. seiner eigenen Theatralität immer noch viel zu wenig bewusst ist.

Zuletzt konnte man das verkappt schön vor einem Jahr miterleben, als sie in der Stichtagsnacht vom 29. auf den 30. März dem damals nahe scheinenden Brexit aus ihrer eigenen Parlamentsküche im HAU 1 ein Schnippchen zu schlagen versuchten. In einer chaotisch-skurrilen Kochshow aus Drama, Nonsens, Politikposse und Tanz kochten sie damals einen kabarettistischen Antibrexit-Schlamassel zusammen, das dem Londoner Real-Theater in nichts nachstand - außer, dass der Brexit am nächsten Morgen doch wieder vertagt wurde.

In der kommenden Mittsommernacht nun wollen sie sich dem aktuellen Ungemach eher entheben und grundlegender, auch philosophischer in die Gegenwart fragen. Vieles hat die Pandemie-Starre der letzten Wochen ja schon automatisch in den nicht immer schlechten Revisionsmodus geschickt, nicht zuletzt die Theaterroutine selbst. Gob Squad nun wollen noch einen Schritt weiter gehen und nach der Wahrnehmung von Zeit schlechthin fragen: nach individueller Zeit, historischer und utopischer und ihren vielen parallel laufenden Operationsmodi im virtuellen Raum, in den jetzt alles strömt, aber alles auch noch ein bisschen ungreifbarer wird.

Gibt es überhaupt „die Gegenwart“, wenn Geschichte und Zukunft permanent in sie hinein spielen, und was bedeutet es für die Handlungsfähigkeit, wenn immer mehr Separat-Wirklichkeiten durch- und nebeneinander herlaufen? Was machen die vielen Parallelzeiten mit uns, und wie entstehen noch „wahre“ Momente darin?

Ausgehend von der leeren Bühne des HAU 1, wo der melancholisch-ironische Moderator Simon Will zwischen einsamen Kostümständern und leeren Sitzreihen umherwandert, wird er immer wieder den Kontakt zu seinen Kollegen draußen aufnehmen, die ihm bei der Suche nach menschlichem Kontakt und theatralischer Inspiration helfen sollen, was für die Gob Squader mit echtem Lebensglück immer identisch ist.

Weil es also kein Glück allein gibt, werden die Performer unterwegs Menschen, Dinge und Situationen in ihre skurril poetischen Gespräche ziehen. Sharon Smith wird in ihrer Quarantänewohnung in Südengland den praktischen und höheren Sinn ihrer Küchenutensilien mit diesen diskutieren, Sarah Thom ist zu ihrer kranken Mutter in die einstige Arbeiterstadt Sheffield gefahren, Sean Patten beginnt in seinem Auto auf der Köpenicker Landstraße eine Fahrt durch die Geschichte Berlins, Bastian Trost sucht zwischen grauen Weddinger Wohnblocks die Perspektiven der Pflanzen und Hunde und Berit Stumpf unter diversen S-Bahnbrücken Prenzlauer Bergs und Friedrichshains das Glück im Tanz. Die Nacht kann kommen.

„Show me a good Time“ wird live übertragen auf hebbel-am-ufer.de, 20.6., 18 bis 8 Uhr