SPD-Politiker über Mahnmal in Berlin: „Polen muss uns allen in Deutschland nah sein“

Eine Initiative setzt sich dafür ein, dass in Berlin ein Denkmal für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung von 1939 bis 1945 entsteht. Zu den etwa 70 Unterzeichnern eines Aufrufs dazu gehört auch der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Im Interview mit der Berliner Zeitung spricht er über seine Motive und darüber, warum hierzulande nicht ausreichend des polnischen Leids gedacht wird.

Herr Thierse, die deutsch-polnischen Beziehungen sind dieser Tage nicht die besten. In Polen rüttelt die Regierungspartei PiS (Recht und Gerechtigkeit) an den Grundpfeilern der Demokratie des Landes, die Deutschen verstehen immer weniger, was ihren östlichen Nachbarn antreibt. Gehen Sie davon aus, dass ein Denkmal für die polnischen Opfer der Nationalsozialisten jene Beziehungen verbessern kann?

Das ist nicht das erste Motiv für die Denkmalsidee. Aber wenn wir sie verwirklichen und wenn eine Diskussion dazu in Berlin und in Deutschland positiv verläuft, wird das Ganze den deutsch-polnischen Beziehungen gewiss nicht schaden. Ich weiß, dass es in Polen eine Reihe von Menschen gibt, die das Gefühl haben, dass wir Deutschen dem Leiden der Polen während des Zweiten Weltkriegs unter dem Nazi-Terror nicht angemessen gedenken und dass wir den Beitrag Polens zur Überwindung des Nationalsozialismus und des Kommunismus nicht ausreichend würdigen. Diese Gefühle – das ist mein Antrieb – sollten wir als Nachbarn gefälligst endlich ernst nehmen.

Einige rechte Journalisten in Polen behaupten, dass die Idee eines Denkmals in Berlin eine Art deutsche Nebelkerze sei, um von der Debatte um Kriegsreparationen abzulenken. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

In Deutschland gibt es keine Reparationsdebatte, von der wir ablenken müssten. Und wenn ich das richtig sehe, hat auch die polnische Regierung noch keine Entscheidung getroffen, ob sie eine Reparationsforderung erheben will. Wenn sie das tut, dann wird es einen juristischen Streit geben, der aber nichts mit unserer Idee zu tun hat.

Warum wünschen Sie sich, dass das Denkmal an dieser Stelle, am Askanischen Platz, entsteht?

Erst mal möchte ich daran erinnern, dass das auf eine Idee von Władysław Bartoszewski zurückgeht, dem großen polnischen Publizisten und Politiker, der sich bis zu seinem Tod leidenschaftlich für die deutsch-polnische Aussöhnung eingesetzt hat. Er hat immer und immer wieder gesagt, dass wir auf intensive Weise an die Verbrechen der Vergangenheit erinnern. Das hat er begrüßt und auch bewundert. Aber er war auch der Meinung, dass wir im Verhältnis zu den Polen etwas – ich formuliere es nun salopp – „unterbelichtet“ seien. Da gibt es nicht die gleiche intensive Auseinandersetzung mit deutscher Schuld, wie, richtigerweise, im Fall der Ermordung der Juden oder im Fall deutscher Verbrechen in der Sowjetunion. Dem ein stärkeres Gewicht zu geben, ist das Motiv, das uns dazu geführt hat, die Idee eines Denkmals umsetzen zu wollen. Der Ort spielt dabei nicht die entscheidende Rolle. Trotzdem steckt hinter dem Vorschlag dieses Ortes der Gedanke, dass es ganz gut sei, wenn gegenüber der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, die an die verschiedene Vertreibungen während des Zweiten Weltkrieges erinnert, auch an die deutsche Schuld erinnert wird. Dass ausgerechnet dort ein Denkmal errichtet wird, das in besonderer Weise an das Unrecht erinnert, das wir unseren polnischen Nachbarn angetan haben, ist ein wichtiges Zeichen.

In Ost-Berlin gibt es schon ein Denkmal für die von Deutschen ermordeten Polen.

Ja, das stimmt. Das Denkmal kenne ich natürlich gut, ich komme oft genug daran vorbei. Aber es hat einen anderen Charakter, wie aus der Widmung deutlich wird: Denkmal des polnischen Soldaten und des deutschen Antifaschisten. Es handelt sich also um ein Denkmal für die Waffenbruderschaft polnischer Soldaten und deutscher Kommunisten. Insofern ist es von polnischer Seite, zumindest von der Mehrheit der Polen, nie akzeptiert worden als ein Erinnerungsmahl an die Opfer, die Polen gebracht hat – und das müssen wir ernst nehmen. Zudem steht das Denkmal an einem Ort, der wie ein toter Winkel ist. Auch das zeigt, dass es nicht genug ist.

Sie haben es bereits angesprochen, in Deutschland wird nicht ausreichend des polnischen Leides während des Zweiten Weltkriegs, etwa dem Warschauer Aufstand, gedacht. Warum ist das so?

Das ist eine Sache der historischen Bildung. Wir Deutsche müssen uns Mühe geben, die beiden Aufstände, den Warschauer Aufstand und den Warschauer Ghetto-Aufstand, nicht zu verwechseln. Wegen Willy Brandt und seines Kniefalls wird uns das eine, der Warschauer Ghetto-Aufstand, deutlicher in Erinnerung gerufen als das andere. Aber als Ostdeutscher ist mir der Unterschied sehr klar. Es gibt dazu auch einen eindrucksvollen polnischen Film, „Miasto 44“. Es gibt viele Filme und anderes, das uns Deutschen beide Aufstände in Erinnerung ruft, ein anderes Beispiel ist die Geschichte Marek Edelman, der den Ghetto-Aufstand anführte. Es hat in Ostdeutschland immer eine Reihe von Leuten gegeben, die sich mit großer Leidenschaft für polnische Geschichte interessiert haben. Für uns DDR-Bürger war Polen damals ein ganz wichtiger, interessanter Nachbar.

Sie glauben also, es gibt einen Unterschied im Gedenken und in Bezug auf das Verhältnis zu Polen zwischen West- und Ostdeutschen?

Ich bin vorsichtig damit, von den Ostdeutschen und den Westdeutschen zu sprechen. Ich kann nur so viel sagen: Es gibt in Ostdeutschland eine Minderheit, die immer auch nach Polen geblickt hat. Schon aus dem einfachen Grund, dass die Polen ein ähnliches Schicksal erlitten haben wie die Ostdeutschen. Zugleich aber waren sie munterer und freier, als wir, als die brave DDR. Wir haben uns immer gefragt, was es dort in den Filmen gebe, in der Kunst und Kultur, Jazz und so weiter. Natürlich hat ein großer Teil der Menschen vor allem nach Westen geguckt, aber wir hatten Polen auf unserer Karte. Im Westen natürlich ist Polen weiter weg und Frankreich viel näher. Polen muss uns allen in Deutschland nah sein.