Jan Jelinek auf dem Speicher-Festival.
Foto: Jacob Veidt

BerlinWeiterhin treibt uns die Frage um, wann wir endlich wieder überteuerte Pop-Spektakel in seelenlosen Funktionshallen besuchen können. Bekanntlich wurde zum Wochenende in der Arena Leipzig mit Tausenden Tim-Bendzko-Fans eine Studie zu den Möglichkeiten von Arena-Pop-Konzerten unter Covid-19-Auflagen durchgeführt.

Gleichzeitig konnte man in einem weitaus interessanteren Funktionsraum, nämlich im ehemaligen Wasserspeicher an der Belforter Straße in Prenzlauer Berg, die Vorteile einer Art Konzert genießen, dem traditionell sowieso wenige Menschen beiwohnen: So fand in dem eindrucksvollen Gemäuer, das einst von den Nazis für Verhöre, von der DDR für die Lagerung von Fisch genutzt wurde, am Freitag und Sonnabend die vierte Ausgabe des Speicher-Festivals statt. Seit 2017 lässt das Veranstalter-Kollektiv Bohemian Drips hier Werke zur Aufführung kommen, die speziell für die Innenakustik der sich umkreisenden Gänge konzipiert sind. Denn bis zu 18 Sekunden lang hallen Töne hier nach.

Am Sonnabend traf eine limitierte Besucheranzahl ein, die bei einem solchen Konzert auch vor Pandemie-Zeiten vielleicht nicht wesentlich größer gewesen wäre. Unter liebevoll als Billigflugreise inszenierten Sicherheitsanordnungen verteilten sie sich darin auf den dunklen Backsteinkorridoren. Die anschließende Performance des Berliner Elektronik-Minimalisten Jan Jelinek mit dem schwedischen Perkussionisten und Free-Jazz-Schlagzeuger Sven-Åke Johansson fühlte sich nicht angespannter – oder etwa einer spezifischen Publikumsatmosphäre beraubt – an. Tatsächlich kann man es als durchaus gemeinschaftsstiftend ansehen, wenn bei einem Konzert, wo im Publikum sowieso nicht geredet oder mitgesungen wird, jeder eine Maske trägt.

Die Omnipräsenz des Mund-Nasen-Schutzes im Gewölbe unterstrich dabei die postapokalyptische Vibration. Jelinek (selbst ohne Maske) erzeugte mithilfe mehrerer Kassetten-Diktiergeräte klagend-harmonisierende Fiep-, Rausch- und Brumm-Drone-Geräusche. Johansson hingegen entlockte (ebenfalls ohne Maske) mit einem Cellobogen einem Becken mancherlei metallisches Fiepen.

Unweigerlich erinnerten diese Klänge und Bilder an Szenen aus der Serie „Tschernobyl“, mittels derer wir unsere abendlichen Wohnzimmer mit Dystopischem füllen. Anders als daheim konnte man hierzu keine Getränke konsumieren – aber auch dieser Aspekt der Maskenpflicht wird bei Tim-Bendzko-Auftritten schwerer wiegen als beim Speicher-Festival, wo entlang strenger Auflagen zwischen den halbstündigen Auftritten zwei Stunden Pause vorgeschrieben waren, während derer der Speicher gelüftet wurde: Dabei konnte man sich dann vorm Eingang aus einem Einkaufswagen Flaschenbier servieren lassen.