Er war in den frühen 60er Jahren das, was man heute einen Influencer nennt. Dabei war der 1939 in Swansea in Wales geborene Spencer Davis noch nicht einmal der Frontmann jener seit 1963 überaus einflussreichen britischen Popformation, die seinen Namen trug. Der musikalische Kopf der Gruppe war zweifellos Stevie Winwood, der bald als Wunderkind des Pop gehandelt wurde und neben seinem älteren Bruder Muff Winwood ebenfalls in der Band spielte.

Es ging in den Blütejahren der britischen Rockmusik zu wie auf dem Fußballtransfermarkt. Und vor ziemlich genau 50 Jahren reüssierte Winwood bei der Supergroup Blind Faith, die in den wenigen Monaten ihres Bestehens den britischen Blues und Rock revolutionierte. Nach Auflösung der ebenfalls als Supergroup titulierten Band Cream formierten sich Eric Clapton, Ginger Baker, Rick Greg und Stevie Winwood zu Blind Faith, deren einziges Album durch die Cover-Abbildung eines elfjährigen Mädchens mit unbekleidetem Oberkörper einen Skandal auslöste. Musikalisch setzte es Akzente, indem es sich radikal vom Strukturmerkmal der Drei-Minuten-Hits löste. Ganz nebenbei erfanden Blind Faith auch noch das Free-Konzert.

Das Gespür von Spencer Davis

Und was hat Spencer Davis damit zu tun? Er bewies ein paar Jahre zuvor das Gespür dafür, die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt zusammenzubringen und sich selbst nicht allzu wichtig zu nehmen. Ehe Stevie Winwood seinen künstlerischen Innovationsdrang zur Entfaltung bringen konnte, war die Spencer Davis Group eine der führenden Brit-Bands, die zwischen 1963 und 1967 mit Hits wie „Keep On Running“, „Somebody Help Me“ und „Gimme Some Loving“ große Charterfolge feierten.

Spencer Davis fungierte dabei als eine Art pädagogisches Vorbild. Er war ein paar Jahre älter als seine Kollegen, und ähnlich wie der große Lehrmeister des weißen Blues, John Mayall, eine Art Vaterfigur. Spencer Davis sprach mehrere Sprachen fließend und galt schon deshalb als Intellektueller der Londoner Musikszene, deren Mitglieder trotz oder gerade wegen der weltweiten Verbreitung enge Verbindungen zueinander unterhielten - Streit und Verwerfungen inklusive.

Ein kurios-humoriges Beispiel von Spencer Davis‘ Sprachlust ist der auf Deutsch gesungene Schlager „Det war in Schöneberg (im Monat Mai)“. Niemand Geringeres als Marlene Dietrich hatte das Lied 1964 aufgenommen und als verspätete Hommage an ihren Berliner Heimatbezirk verstanden („Ach, das war doch wunderschön,/ Als ich noch ‘ne Joere/ Konnt zum Nollendorfplatz gehen“). Spencer Davis wiederum hatte in Berlin studiert und wollte sich 1967 an diese Zeit erinnern, schließlich hatten auch die Beatles auf Deutsch gesungen.

Spencer Davis in Berlin

Die etwas krachlederne Single war natürlich ein Riesenspaß, verrät aber auch einiges über das Selbstverständnis der Band, die ihren fröhlichen Beatsound durch die Stimme von Stevie Winwood mit einem gehörigen Schuss Soul versetzte. Nachdem Winwood der Spencer Davis Group 1967 den Rücken gekehrt hatte, um seine eigene Band Traffic zu gründen, ließ die Aufmerksamkeit für die Spencer Davis Group nach. Schlagzeuger Pete York und Keyboarder Eddie Hardin versuchten sich nach der Auflösung einige Jahre als Duo und fanden dabei gelegentlich auch wieder mit Spencer Davis zusammen.

Nach einer Tournee durch Deutschland und die Niederlande ging Spencer Davis 1970 in die USA, um eine LP mit ausschließlich akustischen Songs einzuspielen. In dieser Zeit kam er auch in Kontakt mit der Plattenfirma Island Records, für die er eine Art Manager und Scout war und in dieser Funktion mit Robert Palmer und Bob Marley zusammenarbeitete. Über den Seitenwechsel befragt antwortete Davis, er habe nie aufgehört, auf eine Bühne zu gehen und zu spielen.

Er tourte mit musikalischen Grenzgängern wie Chris Farlowe, Brian Auger und Mitch Ryder und trat immer mal wieder auch unter dem Namen Spencer Davis Group auf. Am Montag ist Spencer Davis an den Folgen einer Lungenentzündung im Alter von 81 Jahren gestorben.