Altkanzler Helmut Schmidt tritt ohnehin außer Konkurrenz auf. Insofern war das erstmalige öffentliche Aufeinandertreffen der Töchter von Franz Josef Strauß und Rudolf Augstein sicherlich der Höhepunkt dieser zweitägigen Konferenz am vergangenen Wochenende in Hamburg. Sie beleuchtete, in all ihren historischen Facetten, die Spiegel-Affäre, die sich im Oktober zum 50. Mal jährt und die für die Demokratisierung der Bundesrepublik elementar war.

Als Monika Hohlmeier und Franziska Augstein am Sonntagnachmittag also die Bühne betraten, wirkte dies wie der Versuch, noch einmal Zeuge dieses auch rhetorischen Kampfs der beiden Protagonisten der Spiegel-Affäre zu werden. Die Politikerin Monika Hohlmeier und die Journalistin Franziska Augstein ließen vor dem inneren Auge der Zuschauer und Zuhörer die beiden Väter auferstehen. Wie die Strauß-Tochter, um ihre mit bayerischem Akzent vorgetragenen Aussagen zu unterstreichen, energisch mit dem Kopf wippte; wie in den Blicken und Worten der zierlichen Franziska Augstein die Ironie des vor bald zehn Jahren gestorbenen Spiegel-Gründers aufblitzte – Erinnerungen wurden wach.

Am Abend des 26. Oktober 1952 drangen acht Beamte des Bundeskriminalamts, bald verstärkt durch mehrere Überfallkommandos der Hamburger Polizei, mit dem Ersten Staatsanwalt Siegfried Buback im Schlepptau in die Redaktion des Spiegels, damals noch im Pressehaus am Speersort, ein. Sie durchsuchten und besetzten mehrere Wochen lang sämtliche Räume, beschlagnahmten alle Schreibmaschinen und Archivmaterial und verhafteten mehrere Redakteure und den Verlagsdirektor des Nachrichtenmagazins.

Keine Geheimnisse verraten

Rudolf Augstein, den sie zunächst nicht fanden, stellte sich am Montag darauf selbst. Er kam in Haft, 103 Tage lang. Der Vorwurf: Beihilfe zum Landesverrat und auch aktive Bestechung. Anlass war die Spiegel-Titelgeschichte „Bedingt abwehrbereit“ vom 8. Oktober. Im Ernstfall fehlte es der Bundeswehr demnach an allem, sie wäre nur „bedingt abwehrbereit“, das Land und seine Bevölkerung in höchstem Maß gefährdet. Zudem veröffentlichte das Magazin Pläne des Verteidigungsministers Franz Josef Strauß, Deutschland atomar zu bewaffnen.

Tatsächlich hatte der Spiegel in dem Artikel keine Geheimnisse verraten, sondern über zahlreiche Quellen zugängliche Fakten zusammengetragen und eingeordnet. Dies wurde dem Spiegel 1965 höchstrichterlich bescheinigt. Doch bildete die Auseinandersetzung um die Veröffentlichung nur den Hintergrund für eine Entwicklung, die von weit größerer Bedeutung für die noch junge Demokratie war. Daran erinnerte zu Beginn der Tagung Georg Mascolo, der erste nicht von Rudolf Augstein berufene Chefredakteur in der 65-jährigen Geschichte des Spiegels.

Für die Regierung unter Konrad Adenauer unerwartet, führte der staatliche Durchgriff 1962 zu massiven Protesten in der breiten Öffentlichkeit. Der Spiegel wurde zum Symbol für Pressefreiheit und Demokratie. „Spiegel tot – Freiheit tot“ stand auf den Transparenten, „Augstein raus und Strauß hinein“, riefen die Demonstranten überall im Land, auch vor dem Hamburger Untersuchungsgefängnis, in dem der Spiegel-Chef inhaftiert war, bevor er nach Koblenz und dann Karlsruhe verlegt wurde.

Adenauer hingegen sprach von einem „Abgrund des Landesverrats“, Strauß ignorierte rechtsstaatliche Prinzipien und bediente sich des Franco-Regimes, um den Autor des Artikels, den stellvertretenden Chefredakteur Konrad Ahlers, im Urlaub in Spanien aufzuspüren. Ahlers wurde bei seiner Rückkehr noch auf dem Frankfurter Flughafen festgenommen.

Der Spiegel erschien in jener Zeit weiterhin, sowohl jene, der Vorzensur durch Buback ausgesetzte Ausgabe, die an jenem Freitag Ende Oktober 1962 in Druck ging, als auch die folgenden Hefte. Alles andere hätte nicht nur die Redaktion demoralisiert, sondern das Blatt in seiner wirtschaftlichen Existenz gefährdet. Möglich war dies nur durch die Unterstützung der Redaktionen von Zeit und Stern, die den Spiegel-Kollegen in jenen Wochen ihre Räumlichkeiten und Infrastruktur zur Verfügung stellten. Zum Dank hat der Spiegel die kompletten Redaktionen beider Blätter zu einem gemeinsamen Essen eingeladen, es wird im Oktober am neuen Sitz des Spiegels an der Hamburger Ericusspitze stattfinden.

Optimistischer Altkanzler

Psychologisch aufschlussreich bei der Tagung waren die Analysen des Verhältnisses von Strauß und Augstein. Für Augstein war Strauß der „Atomminister“, ein, wenngleich „hochintelligent“ und „vielseitig begabt“, unbeherrschter Vertreter des „katholisch-bäuerlichen Landes am Rande der Alpen“, wie er den Bayern im Nachruf bei „Spiegel TV“ 1988 nannte. Die Spiegel-Affäre war Teil dieser Privatfehde zweier Männer, die sich bekämpft, später aber auch vertragen haben. Da hatten sie ein neues, gemeinsames Feindbild, jenen Mann, der auf dem aktuellen Spiegel-Titel abgebildet ist: Helmut Kohl, den Strauß einmal öffentlich als „nicht fähig“ bezeichnet hat. Anders als Strauß hat Kohl mit „diesem Magazin aus Hamburg“ nie gesprochen.

Was bleibt, ist die historische Einordnung der Spiegel-Affäre, die für das Ende eines obrigkeitsstaatlich organisierten Landes steht, in dem Bürger wie Untertanen behandelt, der Schutz des Staats über dem seiner Bevölkerung steht und Willkür an die Stelle des Rechtsstaats tritt. Erstmals kuschten die Deutschen nicht mehr vor Autoritäten.

Wo Historiker tagen, geht es naturgemäß vergangenheitsbezogen zu. Nur einem war es gestattet, in die Zukunft zu blicken, und er tat dies mit einem Optimismus, den nicht jeder teilte. Mascolo fragte Schmidt: „Glauben Sie, es gäbe heute eine vergleichbare Solidarisierung, wenn die Staatsmacht bei Süddeutscher Zeitung, FAZ oder Spiegel durchgreifen würde?“. „Ja“, antwortete Schmidt im Ton tiefster Überzeugung. „Mein Vertrauen in die demokratischen Instinkte des deutschen Volks ist eher gewachsen seither“. Und dann fügte der 93-Jährige hinzu: Sollte passieren, was Mascolo in der Theorie gefragt hat, und sollte „ich dann noch unter den Lebendigen sein, gehe ich auch mit auf die Barrikaden“.