Einmal, vor 50 Jahren, ist die deutsche Presse so richtig aus der Rolle gefallen. Es war das erste Mal, und vermutlich beschwören Journalisten deshalb bis heute so leidenschaftlich die Erinnerung daran, wenn sie – was sie gerne tun – auf Podien sitzen und öffentlich über die Ethik der Medien reflektieren. Kommt ihre Rede auf dieses erste Mal, hellen sich die Mienen der Journalisten auf, ihre Augen glänzen fiebrig, und den Saal, das Studio oder was sonst auch immer sich mit Wortwolken zur Medienethik bedampfen lässt, durchweht die Stimmung von Andacht und Weihe. Und ihre Rede kommt so unvermeidlich darauf, wie wohl auch der senile Ex-Weltmeister im Komasaufen selbst nach Jahrzehnten sein Publikum immer und immer wieder mit prickelnden Details seines frühen sportiven Triumphs zu verzücken versucht.

Einmalig, rufen die Journalisten dann, einmalig, wie die Tagespresse der Bundesrepublik damals vor 50 Jahren so richtig aus der Rolle gefallen ist, einmalig, wie Zeitungskommentatoren damals nicht schrieben, was andere sagten, und nicht sagten, was sie woanders gelesen hatten, sondern tatsächlich kommentierten, einmalig, wie den Redakteuren damals dämmerte, dass in einer Zeitung nicht nur Informationen stehen müssen, sondern sogar eigene Gedanken Platz finden dürfen. Und einmalig auch, dass dieses Geschehen von einem einmaligen Ereignis bewirkt worden ist: der Spiegel-Affäre. Nur vergessen die erinnerungsbesoffenen Journalisten an dieser Stelle zuverlässig zu erwähnen, dass die Rolle, die die bundesdeutsche Presse in der Spiegel-Affäre spielte, bis heute von ihr nicht gern und darum nur sehr selten gespielt zu werden pflegt. Denn die deutsche Presse liebt es ganz und gar nicht, aus der Rolle zu fallen.

Zum Schweigen bringen

Deshalb hat 1962 niemand damit gerechnet, schon gar nicht die Bundesregierung, die Bundesanwaltschaft, das Bundeskriminalamt und der Militärische Abschirmdienst. Weder Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) noch Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU), nicht einmal der Herausgeber und Chefredakteur des Spiegel, Rudolf Augstein, dürfte vorausgesehen haben, welche Folgen die Nacht vom 26. auf den 27. Oktober haben würde.

In den Abendstunden waren Dutzende Polizisten und Beamte des Bundeskriminalamtes in die Redaktionsräume des Spiegel in Hamburg, Bonn und Düsseldorf eingedrungen, hatten das Archiv versiegelt und sieben Redakteure und Verlagsmitarbeiter festgenommen. Das war kein Repressionsversuch; erstmals in der Geschichte der jungen Republik versuchte die Staatsmacht, ein Presseorgan zum Schweigen zu bringen. Die Umstände waren offensichtlich günstig. Der Kalte Krieg strebte dem Höhepunkt zu. Am 14. Oktober hatten US-Spionageflugzeuge auf Kuba Abschussrampen für sowjetische Atomraketen entdeckt. Eine Woche zuvor, am 8. Oktober, war der Spiegel-Titel „Bedingt abwehrbereit“ erschienen, in dem der stellvertretende Chefredakteur Conrad Ahlers, gestützt auf Resultate des Nato-Manövers Fallex 62, das Verteidigungskonzept des Bundeswehr staubtrocken und präzise in der Luft zerrissen hatte: „Mit Raketen an Stelle von Brigaden und mit Atom-Granatwerfern an Stelle von Soldaten ist eine Vorwärtsverteidigung der Bundeswehr nicht möglich, eine wirksame Abschreckung bleibt fraglich.“

Einundvierzigfacher Landesverrat

Noch am selben Tag hatte ein Bundesanwalt Landesverrat gewittert und das Verteidigungsministerium um ein Gutachten gebeten, schon am 17. Oktober hatte der Gutachter einundvierzigfachen Landesverrat ermittelt (es handelte sich um einen einundvierzigfachen Irrtum des Gutachters), eine Woche später hatte der Staat zum Schlag gegen den Spiegel ausgeholt. Augstein war verhaftet, Ahlers in Spanien auf ausdrückliche, rechtswidrige Weisung Strauß’ festgesetzt worden, und Bundeskanzler Adenauer fantasierte im Bundestag: „Wir haben einen Abgrund von Landesverrat.“

Über die Zukunft lässt sich erst Genaueres sagen, wenn sie zur Vergangenheit geworden ist. Adenauer hat natürlich nicht vorausgesehen, dass mit der Spiegel-Affäre der Anfang vom Ende seiner Kanzlerschaft begonnen hatte und er genau ein Jahr später zurücktreten müsste. Ebenso natürlich hat Strauß nicht vorausgesehen, dass die fünf Minister des Koalitionspartners FDP aus Protest gegen sein Verhalten in der Affäre zurücktreten und die Liberalen die Bildung einer neuen Koalition mit der Union – erfolgreich – an die Bedingung knüpfen würden, Strauß aus dem Kabinett fernzuhalten. Und selbstverständlich hat Augstein nicht vorausgesehen, dass er 103 Tage in Haft verbringen, der Spiegel aber dank der Affäre über Jahrzehnte als Synonym für seriösen, investigativen Journalismus gelten würde. Nichts davon war im Oktober 1962 vorauszusehen, aber nichts davon war – rückblickend betrachtet – am Ende wirklich überraschend.

Sturm der Entrüstung

Nicht nur eine Überraschung, sondern eine Sensation, selbst von optimistischen Zeitgenossen für unmöglich gehalten war hingegen die Reaktion der Öffentlichkeit auf die Affäre. Die Bürger entdeckten den Wert der freien Meinungsäußerung und die Freude am Protest und antworteten auf die Repression des Staates landesweit mit öffentlichen Sympathiebekundungen für die Spiegel-Redaktion.

Noch überraschender, aus Sicht der sich noch als Obrigkeit empfindenden Staatsorgane geradezu bestürzend, aber war die Reaktion der deutschen Tagespresse: Über Nacht bemerkte sie, dass Redaktionen keine Filialen staatlicher Institutionen sind, Zeitungen keine Verlautbarungsblätter der Regierung und das Wort der Presse nicht im Sold des Staates steht, sondern im Dienst des Grundgesetzes.

Der Sturm der Entrüstung, der im Herbst 1962 Adenauer, Strauß und Co. entgegenschlug, war für die Regierenden nicht deshalb verheerend, weil die überwältigende Mehrheit der Zeitungen – von links bis rechts – den Polizeieinsatz gegen die Spiegel-Redaktion zutreffend als rechtswidrig und die Verhaftungen Augsteins und dessen Kollegen als Willkürakt geißelte, sondern weil erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik das Grundrecht der Pressefreiheit durch die Presse gegen den Staat verteidigt wurde.

Kein Kommentar

Zwar verbat ein Drittel der Zeitungen zunächst sich selbst den Mund, verzichtete in den ersten drei Tagen der Affäre auf jeglichen Kommentar und wollte damit – nach alter Gewohnheit – sicherstellen, am Ende der Geschichte auf der Seite des Siegers, also der richtigen Ansicht zu stehen. Und immerhin ein Viertel der Zeitungen hielt es – aus ebenso alter Gewohnheit – von Anfang an mit den Regierenden und fand, die Pressefreiheit habe ein Ende, wo sich der Spiegel ihrer bediene. In Christ und Welt klagte ein Kommentator, das „erschreckendste Symptom in der ganzen Affäre“ sei, dass nun Teile „der studentischen Jugend … so passioniert für den totalen Nihilismus eintreten, den der Spiegel seit Jahr und Tag gepredigt hat“. Aber diese Stimmen gingen unter im Chor des Protests, den die Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland zutreffend charakterisierte: „Auch die Zeitungen, welche für ihre kritische Einstellung gegenüber dem Magazin bekannt sind, haben bewiesen, dass sie bereit sind, für die grundsätzlichen Belange der Demokratie auf die Barrikaden zu gehen.“

Tageszeitungsredakteure und Verleger auf den Barrikaden – das hatten die Deutschen lange nicht gesehen. Barrikaden hatten deutsche Journalisten bei Gelegenheit professionell beglotzt und beschrieben, aber von einem eigenen Aufenthalt dort vorsorglich abgesehen. Die Gründe, warum sie dreizehn Jahre nach Gründung der Bundesrepublik plötzlich den Mut dazu fanden und sich dem Staat öffentlich entgegenstellten, hat Paul Sethe, nach dem Krieg einer der Gründungsherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, genannt: „ Die besonderen Begleitumstände des Vorgehens gegen den Spiegel waren nur möglich, weil einige mächtige Leute uns noch immer für ein Volk von geborenen Untertanen ansehen. Sie müssen heute einsehen, dass sie sich getäuscht haben. Offensichtlich wollen zahllose Deutsche wirklich freie und aufrechte Staatsbürger sein, und sie verlangen, dass dieser Wille respektiert wird.“

Ein Affront

So war es. Und eben das war der Affront. Eine Presse, der bewusst war, dass sie nicht dem Staat, sondern der Gesellschaft zu dienen hat, die das Wort nicht den Regierenden, sondern der Kritik an den Regierenden zur Verfügung stellt, hatte die Bonner Republik bis dahin nicht gekannt.
Dieses Bewusstsein war nicht neu, nur war es den deutschen Journalisten in den vergangenen hundert Jahren verloren gegangen. Ohne das Bewusstsein hätte es vor 1848 keine politisch fungierende Öffentlichkeit in Deutschland gegeben. Sie wurde von der Presse begründet – von Journalisten wie Johann Georg August Wirth ( „Die freie Presse ist die Schutzwehr der Völker gegen die Tyrannei der Machthaber.“ ) und Philipp Jakob Siebenpfeiffer –, das Bürgertum wäre auch ohne sie ausgekommen.

Das gilt erst recht für die Zeit nach der gescheiterten Revolution von 1848, als das Bürgertum sich dem Staat unterworfen, ihm die Wahrnehmung seiner wirtschaftlichen Interessen überlassen und im Gegenzug auf die Durchsetzung der politischen Demokratie verzichtet hatte. Die politisch fungierende Öffentlichkeit war damit Sache der Presse; nicht das Bürgertum, sondern Journalisten und Publizisten wie Johann Jacobi, Heinrich Heine und Ludwig Börne gerieten damit in direkte Konfrontation mit dem Staat. Die Unterdrückung der Pressefreiheit war nicht nur Symptom, sondern Synonym für Demokratieverweigerung.

Daran änderte sich nichts, nachdem der Reichstag 1874 im Reichspressegesetz formal die Pressefreiheit zugestanden hatte. In der Unterdrückung der freien Presse setzten die staatlichen Instanzen fortan weniger auf Verbote, vielmehr auf Manipulation und Vorenthalten von Informationen durch ein System staatlicher Pressestellen. Reichskanzler Bismarck, ein herausragender Stratege manipulativer Öffentlichkeitsarbeit, schloss am 10. Juni 1869 einen Geheimvertrag mit Wolffs Telegraphischem Bureau (W. T. B.), der ersten Nachrichtenagentur in Deutschland, mit dem er seinen Einfluss auf Nachrichtenauswahl und -gestaltung sicherte. So wurde die deutsche Presse, so hat sie sich auch selber zugerichtet, bis ein Schoßhund im Vergleich mit ihr wie ein Dobermann erscheinen musste und selbst Kaiser Wilhelm II. den Mut zur Häme fand. In einem Brief an seinen Onkel, den britischen König Edward VII., feixte er, zwar sei die Presse in Deutschland und in England gleichermaßen „greulich“, aber in Deutschland habe sie wenigstens nichts zu sagen.

Glanzlichter in stockdunkler Nacht

Das traf nicht ganz den Kern. Das Wenige, das die deutsche Presse bis 1914 vielleicht noch zu sagen gehabt hätte, kam ihr als Jubelschrei über die Lippen, als Deutschland das neutrale Belgien überfiel und damit den Ersten Weltkrieg begann. Selbst die renommierte, vergleichsweise selbstbewusste Frankfurter Zeitung stellte sich jetzt ohne zu zögern als Verlautbarungsorgan der Reichsregierung zur Verfügung: „Wir werden siegen, denn wir müssen siegen.“

Nach dem verlorenen Krieg, mit Gründung der Weimarer Republik und der endlich gewährleisteten Pressefreiheit wäre eine gute Gelegenheit für Journalisten und Verleger gewesen, sich auf die Anfänge in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu besinnen und sich als unentbehrliches demokratisches Moment der jungen Republik zu begreifen. Und natürlich hat es solche Zeitungen, solche Journalisten und solche Verleger auch gegeben, zum Beispiel die Weltbühne mit Siegfried Jacobsohn, Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky, oder das Berliner Tageblatt mit dem Chefredakteur Theodor Wolff, für das unter anderem Alfred Kerr, Erich Kästner und Alfred Polgar schrieben, oder die Vossische Zeitung, das älteste Blatt Berlins, in dem einst schon Theodor Fontane veröffentlicht hatte und in den Zwanzigerjahren der berühmte Gerichtsreporter Paul Schlesinger („Sling“) und der Feuilletonist Monty Jacobs publizierten.

Aber das waren Ausnahmen, Glanzlichter in stockdunkler Nacht, winzige Oasen, die im Übrigen die Verwüstung und Versteppung der Presselandschaft nur umso deutlicher hervortreten ließen. In dieser Landschaft konnte nichts wachsen und gedeihen, kein Widerspruch gegen Feinde der Weimarer Republik, kein Widerstand gegen die Zersetzung der Demokratie. Zutreffend resümierte Alfred Frankenfeld, in den Zwanzigerjahren Journalist und Politiker, später Chefredakteur im Dienst des Axel Springer Verlags: „Der Freiheitsanspruch der Presse… hat sich letzten Endes nur in verhältnismäßig wenig Organen bis zuletzt bewährt. Die Masse der deutschen Zeitungen hat, innerlich schon weitgehend ausgehöhlt, dem neuen Regime, wenn auch mit Vorbehalten, gehorcht. Eine gewisse ‚innere‘ Gleichschaltung war der äußeren vorangegangen.“

Bruchloser Übergang

Wenn die deutsche Presse jemals ein schlechtes Gewissen haben sollte, dann war es nach dem Zusammenbruch der NS-Diktatur 1945. Niemals waren den deutschen Journalisten die Erinnerungen an die Anfänge der Presse und ihre demokratische Funktion in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, niemals war das Bewusstsein des späteren Versagens im Kaiserreich, im Ersten Weltkrieg und schließlich in der Weimarer Republik gegenwärtiger als in den Jahren nach 1945. Der von den westlichen Alliierten verordnete demokratische Neubeginn bot eine Gelegenheit, sich mit sich selber auszusöhnen und endlich selbstbewusst die demokratische Aufgabe wahrzunehmen, an der man hundert Jahre lang gescheitert war. Über Nacht waren die – von den Alliierten mit Lizenz versehenen – neuen Tageszeitungen bevölkert von begeisterten Demokraten. Darunter waren viele junge Journalisten, die nicht nationalsozialistisch vorbelastet waren, aber eben auch etliche frühere Lohnschreiber der NS-Diktatur.

Deren bruchloser Übergang in die Demokratie verlangt eine Erklärung. Über die stupende Anpassungsfähigkeit deutscher Journalisten hat der Jurist und Journalist Sebastian Haffner Ende der Dreißigerjahre zu Protokoll gegeben: „Viele Zeitungen verschwanden von den Kiosken – aber viel unheimlicher war, was mit den übrig gebliebenen geschah. Man erkannte sie nicht mehr recht wieder. Man ist gewöhnt, mit einer Zeitung wie mit einem Menschen zu verkehren, nicht wahr, man hat im Gefühl, wie sie auf bestimmte Dinge reagieren, was sie sagen und wie sie es sagen wird. Sagt sie plötzlich das Gegenteil von allem, was sie gestern gesagt hat, verleugnet sie sich völlig und zeigt sie ganz entstellte Züge, so entgeht man nicht einem Gefühl von Irrenhaus. Dies geschah.“

Niemand hat die Gelenkigkeit und Rapidität, mit der die überwältigende Mehrheit der deutschen Journalisten den Wechsel von der Weimarer Demokratie in den Nationalsozialismus hinter sich brachte, mehr beeindruckt als die deutschen Journalisten selbst. Das Gefühl, diesen katastrophalen Bruch in der Geschichte dank artistischer Flexibilität persönlich bruchlos, ja mopsfidel überstanden zu haben, war offensichtlich so beglückend, dass es nach Wiederholung verlangte.

Seite an Seite mit gewendeten Nazis

Sie ereignete sich nach 1945 in der Bundesrepublik, deren Entdeckung des kritischen, demokratisch eingewurzelten Journalismus sich, von prominenten Ausnahmen abgesehen, vor allem Journalisten zuschreiben durften, die die Leser bereits als bewährte Dienstleister der nationalsozialistischen Publizistik kannten. Dazu zählte beispielsweise Werner Höfer, langjähriger Gastgeber des ARD-„Frühschoppens“, der als Schreibknecht Josef Goebbels’ einem wegen Wehrkraftzersetzung hingerichteten jungen, bereits leidlich bekannten Pianisten höhnisch im Nachruf zugerufen hatte: „Gerade Prominenz verpflichtet!“ Dazu zählte der Herausgeber und Chefredakteur des Stern, Henri Nannen, der in der Abteilung „Südstern“ der SS-Standarte Kurt Eggers erste journalistische Erfahrungen gesammelt hatte. Dazu zählten auch die beiden früheren SS-Offiziere Georg Wolff und Horst Mahnke – beide hatte Augstein beim Spiegel eingestellt, Wolff hatte ursprünglich Chefredakteur, Mahnke Leiter des persönlichen Büros Augsteins werden sollen.

Das war die Lage der deutschen Presse nach 1945: In den Redaktionen saßen Seite an Seite gewendete Nazis und unbeleckte junge Redakteure. Den einen hatte in der Vergangenheit die Moral gemangelt, den anderen fehlte in der Gegenwart Erfahrung. So kam man einträchtig zusammen und begeisterte sich für den neuen demokratischen Staat, genauer gesagt: für seine Institutionen. Die liebte die Presse mehr als ihre Verpflichtung zur Kontrolle der Institutionen. Nie war mehr von der Presse als „vierter Gewalt“ die Rede, von ihrer Aufgabe der Kontrolle staatlicher Gewalten als während und in den Jahren nach der Spiegel-Affäre.

Aber sowohl vor als auch nach der Affäre hat ein großer Teil der „vierten Gewalt“ den Gewaltverzicht erklärt und vor den drei anderen Gewalten die Waffen gestreckt – die hysterische Angst vor den Kommunisten und deren Verfolgung in den ersten Jahrzehnten der Republik hat die Presse eher gefördert als kritisch betrachtet. Selbst der vor dem Bundesverfassungsgericht gescheiterte Versuch Adenauers, sich sein eigenes Staatsfernsehen zu schaffen und wie einst Bismarck die Bevölkerung nach Gusto mit Nachrichten zu beliefern, wurde mit eher wohlwollendem Desinteresse betrachtet. Daher die Bestürzung der Regierenden, als es die deutsche Presse wagte, ein Mal, ein einziges Mal in der Spiegel-Affäre aus der Rolle zu fallen.

Verpflichtung zur Kontrolle

Als das Bundesverfassungsgericht im Sommer 1966 sein berühmtes „Spiegel-Urteil“ verkündete, lehnte es nicht nur – mit vier zu vier Richterstimmen – die Verfassungsbeschwerde Augsteins gegen die Polizeiaktion in seinen Redaktionsbüros ab, zugleich bescheinigte es der Presse eine entscheidende Funktion in der Demokratie: „Eine freie, nicht von der öffentlichen Gewalt gelenkte, keiner Zensur unterworfene Presse ist ein Wesenselement des freiheitlichen Staates; insbesondere ist eine freie, regelmäßig erscheinende Presse für die moderne Demokratie unentbehrlich. … In der repräsentativen Demokratie steht die Presse zugleich als ständiges Verbindungs- und Kontrollorgan zwischen dem Volk und seinen gewählten Vertretern in Parlament und Regierung.“

Schon damals haben nur wenige Journalisten begriffen, dass die so beschriebene Pressefreiheit nicht nur das Recht ist, über Politik zu berichten, sie zu moderieren und hier und dort mit einem Leitartikel zu bedenken. Sie ist die Verpflichtung zur Kontrolle. Die aber setzt Kenntnis, Unabhängigkeit und die Bereitschaft zur Kritik voraus.

Krise des Journalismus

Und wie steht es heute, fünfzig Jahre danach? Es gibt kaum einen Journalisten in Deutschland, der nicht jederzeit die Krise der Medien beklagt. Aber es gab und gibt keine Krise der Medien, es gab und gibt nur eine Krise des Journalismus. Nicht das Internet bedroht den Beruf, auch nicht der Renditehunger der Verlage, sondern die Journalisten selbst sind es, die zunehmend jegliche Seriosität im Umgang mit politisch oder gesellschaftlich relevanten Themen verweigern. Einigen ausgezeichneten, profund und kritisch berichtenden Zeitungen steht die immer größer werdende Masse der Blätter gegenüber, die den Husten eines Fernsehquizmasters zum Tagesthema machen und den Beitrag über eine Talkshow für politische Berichterstattung halten.

Das hat weder mit Kritik noch mit Kontrolle zu tun, von den Journalisten verlangt das alles, nur keine eigene Haltung. Das ist keine Überraschung in einem Land, in dem die Maxime eines früheren Fernsehmoderators zum Leitwort des nach ihm benannten „Hanns-Joachim-Friedrich-Preises für Fernsehjournalismus“ werden konnte: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemeinmacht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Kein Politiker und kein Wirtschaftsführer hätten den für sie „guten Journalisten“ besser definieren können.