Über die stupende Anpassungsfähigkeit deutscher Journalisten hat der Jurist und Journalist Sebastian Haffner Ende der 30er Jahre rückblickend in seinem Londoner Exil zu Protokoll gegeben: „Viele der Zeitungen verschwanden von den Kiosken – aber viel unheimlicher war, was mit den übriggebliebenen geschah. Man erkannte sie nicht mehr recht wieder. Man ist gewöhnt, mit einer Zeitung wie mit einem Menschen zu verkehren, nicht wahr, man hat im Gefühl, wie sie auf bestimmte Dinge reagieren, was sie sagen und wie sie es sagen wird. Sagt sie plötzlich das Gegenteil von allem, was sie gestern gesagt hat, verleugnet sie sich völlig und zeigt sie ganz entstellte Züge, so entgeht man nicht einem Gefühl von Irrenhaus. Dies geschah.“

Niemand hat die Gelenkigkeit und Rapidität, mit der die überwältigende Mehrheit der politischen Journalisten den Übertritt von der Weimarer Demokratie in den Nationalsozialismus vollzog, mehr beeindruckt als die Journalisten selbst. Das Gefühl, diesen katastrophalen Bruch in der Geschichte schmerzlos, ja mopsfidel überstanden zu haben, war offenbar so beglückend, dass es nach Wiederholung verlangte.

Geistige Sprungbereitschaft

Sie ereignete sich nach 1945 in der Bundesrepublik, deren Entdeckung eines kritischen, demokratisch eingewurzelten Journalismus sich, von prominenten Ausnahmen abgesehen, vor allem Journalisten zuschreiben durften, die die Leser bereits als bewährte Dienstleister der nationalsozialistischen Publizistik kannten.

In dieser Anpassungsleistung schien der westdeutsche dem ostdeutschen Politik-Journalismus beträchtlich voraus zu sein. Daran mochten zumindest ostdeutsche Autoren bis 1989 glauben, dann aber entdeckten auch sie in sich eine geistige Sprungbereitschaft, die sie von einem Augenblick zum anderen von der Wahrheit des Sozialismus in den Pluralismus auf dem Boden der freiheitlichen demokratischen Grundordnung katapultierte.

Weder nach 1945 noch nach 1989 hat sich – wie noch Jahrzehnte zuvor Sebastian Haffner – eine Stimme zu Wort gemeldet, deren Besitzer an seinem eigenen Verstand gezweifelt hätte oder zumindest am Verstand der politischen Journalisten. Offenbar hat sich das Publikum im Lauf der Zeit an eine Perspektive gewöhnt, die es Zeitungskommentare, Leitartikel und politische Fernsehberichte mit demselben wohlwollenden Desinteresse konsumieren lässt wie die Clownsnummer im Zirkus – amüsant, aber bedeutungslos.

Der Ausrufung des postideologischen Zeitalters hätte es nicht bedurft. Zumindest die gelenkigsten unter den politischen Journalisten haben nie in einem anderen Zeitalter gelebt. Und auch die zwei einflussreichsten deutschen Printmedien, der Spiegel und die Bild-Zeitung, haben sich – entgegen den Behauptungen ihrer Anhänger und Gegner – nie einem bestimmten politischen Lager zuweisen lassen.

Mehr als eine Personalie

Den Ruf, ein „linkes“ Blatt zu sein, verdankt der Spiegel keinen politischen Positionen, sondern den politischen Skandalen, mit deren Enthüllungen das Blatt mehr zur Demokratisierung dieser Republik beigetragen hat als jedes andere deutsche Medium. Und der von linker und linksliberaler Seite unermüdlich geäußerte Verdacht, die Bild-Zeitung sei konservativ, lässt sich nur begründen, wenn Rufmord und Verleumdung als Stilmittel, Nutten-Annoncen als typisches Milieu und funktionaler Analphabetismus als Ausdrucksform des Konservativen begriffen werden. Die Ästheten unter den Medienkritikern behaupten, beide Blätter betrieben Kloakenjournalismus. Da ist was dran. Doch wird die Kloake von dem einen unentwegt gefüllt und von dem anderen gereinigt.

Das ist der Hintergrund des Aufruhrs, der in der Spiegel-Redaktion ausgebrochen ist, seit der künftige Chefredakteur Wolfgang Büchner ausgerechnet den Bild-Journalisten Nikolaus Blome zum stellvertretenden Chefredakteur und Leiter des Hauptstadtbüros berufen hat. Der Sturm des Protests ist so gewaltig, dass er Büchner, bisher Chef der Nachrichtenagentur dpa, wegzureißen droht, noch ehe er den neuen Posten – geplant ist der 1. September – angetreten hat. Und das zu recht. Denn weder Büchner noch Blome haben offenbar verstanden, dass es hier nicht um eine Personalie geht, auch nicht um die politische Linie des Spiegel, sondern um das Entweder-Oder des Kloakenjournalismus: Befüllen oder Reinigen.

Und morgen das Gegenteil

Besorgte Spiegel-Redakteure wollten von Büchner wissen, ob die Einstellung Blomes die politische Ausrichtung des Magazins verändern werde. Büchner beteuerte, er verstehe die Frage nicht. Natürlich nicht. Erstens hat es eine klare politische Ausrichtung niemals gegeben, zweitens ist von Büchner kein einziger Artikel bekannt, in dem er Interesse an irgendeiner politischen Ausrichtung erkennen lassen würde. Drittens steht Blome, bisher stellvertretender Bild-Chefredakteur und Leiter der Hauptstadtbüros, nicht im Verdacht, eine politische Ausrichtung zu vertreten, die er nicht jederzeit ins Gegenteil verkehren könnte. Was seine Gelenkigkeit betrifft, kann sich Blome mit den Besten der Branche aussichtsreich messen. Gestern noch versuchte er – wie Franziska Augstein, die Tochter des Spiegel-Gründers, zornig bemerkte –, den vom Spiegel recherchierten NSA- Skandal zu bagatellisieren. Na und? Morgen wird er das Gegenteil schreiben, falls es die Umstände empfehlen.

Büchner hat die Frage nicht verstanden, weil es die falsche Frage war. Richtig gestellt, hätte sie lauten müssen: Wie viel Gossen- Journalismus verträgt der Spiegel? Mit ihm ist Nikolaus Blome groß geworden, in einem Boulevard-Blatt, das die Niedertracht zur gültigen Geschäftsmoral erklärte, das keine Berührungsängste kennt vor Dreck und Auswurf, weil es sich mit beiden mästet, das als täglicher Missbrauch der Pressefreiheit den Markt bespeit. In dieser Zeitung hat Blome sich prächtig bewährt, hier errang er seine Meriten.

Qualifiziert ihn das zur politischen Führung des Spiegel? Die Frage wird Wolfgang Büchner beantworten müssen. Zu befürchten ist: Er wird auch die nicht verstehen.