Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die selbst dem schlimmsten Feind, also dem liebenswürdigsten Kollegen, nicht zu wünschen ist, über eine vom Arbeitsgericht Berlin (Raum 215, 11.15 Uhr) angesetzte Verhandlung zu schreiben, deren Gegenstand – die internen Kollateralschäden des Führungsgebarens des neuen Spiegel-Chefredakteurs – die Öffentlichkeit seit Monaten mehr oder weniger beschäftigt, wenn der frisch abgesägte bisherige Leiter des Bundesbüros des Nachrichtenmagazins als Antragsteller und der Vertreter des beklagten Verlags ebenso wenig erscheint wie ihre Anwälte, sie vielmehr das Gericht fernmündlich wissen lassen, man befinde sich außerhalb des Gebäudes im vertrauten Gespräch, suche also nach einer außergerichtlichen Lösung.

Denn es ist zu vermuten, dass sich der Leser eines Gerichtsberichts wenig dafür interessiert, dass vier Journalisten eine Stunde lang der Richterin, zwei ehrenamtlichen Beisitzern und einer Protokollantin gegenübersitzen, schweigend zunächst, recht bald aber in freundlicher Plauderei zueinander findend, immer vertieftere Erwägungen anstellend zur Belastung der Justiz im Allgemeinen, der Berliner Arbeitsgerichtsbarkeit im Besonderen und der in diesem Augenblick den Journalisten gegenübersitzenden Richterin im Allerbesondersten, wenngleich natürlich schon interessant und einer Bemerkung wert ist, dass die vergnügt, ja aufgeräumt wirkende Richterin die offenbar schon länger erhoffte Gelegenheit beim, wie man so sagt, Schopf ergreift und den Vertretern der Öffentlichkeit eine Lektion erteilt, die sie so schnell nicht vergessen werden, indem sie ihnen einfühlsam den Gang erläutert, den das Verfahren nähme, befänden sich die Prozessbeteiligten auf den Plätzen, auf denen inzwischen aber auf Einladung der Richterin die Journalisten sitzen.

Kein Problem, über nichts zu schreiben

Worüber, erkundigt sich die Richterin, die offenkundig und zu Recht auf einer Gegenleistung der Journalisten für die erteilte Lektion besteht, wollen Sie denn schreiben, wenn nichts zu schreiben ist, wenn – wie hier und heute – nichts stattgefunden hat, worüber sich ohne Weiteres schreiben ließe.

Derart zur Wortmeldung ermuntert, erlaubt sich einer der Journalisten die Bemerkung, es sei per se kein Problem, über Nichts zu schreiben, denn erstens sei das Nichts seit jeher einer der beliebtesten Gegenstände der Philosophie, zweitens das tägliche Brot aller Journalisten. Als Problem trete es erst in Erscheinung, wenn etwas anderes als das Nichts vom Journalisten erwartet werde und entsprechend in der Redaktion angekündigt sei. Denn werde Etwas angekündigt, verbiete es sich selbstverständlich, 100 Zeilen über Nichts zu schreiben. So liege es bedauerlicherweise hier.

Da klingelt im Nebenraum ein Telefon. Die Richterin springt auf und kehrt nach kurzem Gespräch mit seltsamer Kunde zurück. Die abwesenden Prozessparteien, sagt sie, schlügen vor, das Gericht möge sich in die Mittagspause begeben, man selbst werde sich später melden und vom Fortgang des Gesprächs berichten. Hätte die Richterin die Parteien in diesem Augenblick zu zwei Jahren Rüpel-Haft ohne Bewährung verurteilt, hätten wir sie verstanden. Und wir hätten auch Etwas zu berichten gehabt.