Bad Kleinen: Beamte des Landeskriminalamtes bei der erneuten Spurensuche auf den Gleisen am 2. Juli 1993.
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BerlinDie Nachforschungen der einstigen Relotius-Kommission des „Spiegel“ im Fall Bad Kleinen laufen seit gut zehn Monaten. Seit Ende Juli liegt nun offenbar die Rohfassung eines Berichts vor, in dem es darum geht, ob der ehemalige Spiegel-Redakteur Hans Leyendecker 1993 im Zusammenhang mit seiner Berichterstattung über den Tod des RAF-Terroristen Wolfgang Grams im Bahnhof von Bad Kleinen einen Informanten erfunden hat, den es so gar nicht gab. Aber wie es scheint, hat die Kommission, die einst die Fälschungen des Spiegel-Reporters Claas Relotius aufarbeitete, außer ein paar kleineren Unstimmigkeiten nichts entdeckt, was den Verdacht gegen Leyendecker erhärtet.

Dass die Angaben des Informanten der Reporter-Legende nicht stimmten, ist lange bekannt. Leyendecker hat sich dafür in der Vergangenheit schon mehrfach entschuldigt. Er habe die Glaubwürdigkeit des Mannes, den er persönlich getroffen habe, falsch eingeschätzt. Der hatte behauptet, der bereits wehrlose Grams sei von einem Beamten quasi exekutiert worden. Untersuchungen am Tatort ergaben, dass sich der Terrorist höchstwahrscheinlich selbst in den Kopf schoss.

Der damalige Generalbundesanwalt Alexander von Stahl, der wegen des aus dem Ruder gelaufenen Zugriffs in Bad Kleinen gehen musste, hatte 2019 gegenüber der „Spiegel“-Kommission behauptet, Leyendecker habe ihm während eines Telefonats gesagt, er habe nur telefonisch mit dem Informanten gesprochen. Leyendecker bestreitet die Aussage des heute 82-Jährigen. Die Kommission fand jedoch in der „Spiegel“-Dokumentation die Abschrift eines Telefongesprächs Leyendeckers mit einem Mann, in dem es um Bad Kleinen ging. In ihr finden sich nahezu wortgleiche Zitate, die der Reporter in dem „Spiegel“-Stück seinem Informanten zuschreibt. Leyendecker hatte zuvor stets behauptet, keine Aufzeichnungen von dem Gespräch mit seinem Konfidenten zu haben.

Hans Leyendecker vertraute sich seinem Kollegen Uly Foerster an

Gegenüber der Kommission sagte er, die Abschrift dokumentiere ein Telefonat, das er mit einem Mann geführt habe, dessen Identität ihm unbekannt sei. Er habe dieses Gespräch nie erwähnt, da er den Mann nicht als Informanten betrachte. Erst im Nachhinein habe er erfahren, dass sich der Anrufer mit seinem eigentlichen Konfidenten ausgetauscht habe, was die zum Teil wortgleichen Zitate erkläre.

Das ist eine merkwürdige Geschichte. Sollte der Anonymus aber tatsächlich Leyendeckers einzige Quelle gewesen sein, wäre es noch merkwürdiger, wenn der einstige „Spiegel“-Mann die ihn belastende Abschrift aus den Händen gegeben hätte. Genau das tat er aber: Er vertraute sie seinem Kollegen Uly Foerster an, der die Bad-Kleinen-Story zusammenschrieb, an der mehrere Autoren beteiligt waren. Foerster bestätigt das und sagt, er habe 1996 bei seinem Ausscheiden aus der Redaktion das Papier an die Spiegel-Dokumentation weitergereicht.

Entlastet wird Leyendecker zudem vom damaligen „Spiegel“-Chef Hans Werner Kilz, der angibt, die Identität des Informanten ebenfalls zu kennen und mit ihm sogar telefoniert zu haben. Er weigerte sich ebenso wie Leyendecker gegenüber der Kommission den Namen des Mannes preiszugeben. Das Ansinnen, überhaupt von einem investigativen Reporter zu verlangen, seine Quellen offenzulegen, erboste ihn. „Geht noch einmal in die Journalistenschule“, habe er den Kommissionsmitgliedern, der ehemaligen Chefredakteurin der Berliner Zeitung Brigitte Fehrle und „Spiegel“-Nachrichtenchef Stefan Weigel, geraten. Tatsächlich lernt man schon im Volontariat, dass Quellenschutz ein hohes Gut ist. Kilz sagt auch, er habe seinerzeit selbst im Umfeld des Bundeskriminalamts (BKA) recherchiert. Was seine BKA-Kontakte ihm gesagt hätten, hätte die Version von Leyendeckers Informanten unterstützt.

Insgesamt sprach die Kommission mit 30 bis 40 Personen. Es gibt bei den Angaben einiger Ex-Redakteure hier und da Widersprüche hinsichtlich der zeitlichen Abläufe der Recherche, so wie sie Leyendecker schildert. Das kann allerdings auch daran liegen, dass seit den Ereignissen von damals bereits 27 Jahre vergangen sind. Einige „Spiegel“-Mitarbeiter von damals kolportieren gegenüber der Kommission das Gerücht, Leyendecker habe seinerzeit kurz vor dem Rauswurf gestanden. Gegen dessen Wahrheitsgehalt spricht, dass der heute 71-Jährige nach der Bad-Kleinen-Story noch zweimal befördert wurde, bevor er 1997 den „Spiegel“ auf eigenen Wunsch Richtung „Süddeutsche Zeitung“ verließ.

Ein „Spiegel“-Sprecher teilt auf Anfrage mit, dass er zum Inhalt des Berichts nicht sagen könne, da dessen „abschließende“ Version noch nicht vorliege. Der Fall solle aber nach der Fertigstellung des Berichts „öffentlich dokumentiert werden“. Dies dürfte vermutlich spätestens im September und ausschließlich online geschehen.