Das Jahr 1978 hätte für Erich Honeckers Politbüro kaum unangenehmer beginnen können. In seinen ersten zwei Ausgaben des Jahres veröffentlichte der Spiegel damals das Manifest einer angeblichen Oppositionsgruppe innerhalb der SED. Das als „Spiegel-Manifest“ in die Geschichte eingegangene Papier verlangte politische Reformen in der DDR, sprach sich für die deutsche Wiedervereinigung aus und warf dem Führungszirkel der Staatspartei in bislang noch nie dagewesener Deutlichkeit Korruption und Amtsmissbrauch vor.

Das Grundsatzpapier schlug im Westen hohe Wellen. Selbst der Bundestag debattierte darüber. Die DDR-Führung qualifizierte die Spiegel-Veröffentlichung offiziell als Machenschaft des BND ab, ließ aber die Stasi nach den vermeintlichen SED-Abtrünnigen fahnden. Denn zur Autorenschaft am Manifest hatte sich ein „Bund Demokratischer Kommunisten Deutschlands“ (BDKD) bekannt, dem nach eigenen Angaben kritische SED-Funktionäre angehörten.

Rätselraten nach dem Ende der DDR

Von dieser SED-internen Oppositionsgruppe war später nie mehr etwas zu hören. Auch nach dem Ende der DDR mochte sich niemand als BDKD-Mitglied outen. Historiker rätseln dann auch, ob es diesen geheimnisvollen Bund überhaupt gegeben hat. Der frühere SED-Unterhändler Hermann von Berg beharrt allerdings bis heute auf der Existenz dieser Gruppe. Nach seiner Darstellung, die vom Spiegel gestützt wird, hatte er Ende Dezember 1977 in seinem Haus in Schöneiche bei Berlin dem Spiegel-Korrespondenten Ulrich Schwarz das Manifest diktiert. Es basierte ihm zufolge auf einem Entwurf, der im Herbst 1977 im BDKD aus mehreren Einzelpapieren entstanden war.

Der Wirtschaftswissenschaftler, der 1986 in den Westen übergesiedelt war, hat allerdings keine Unterlagen mehr aus dieser Zeit, die seine Darstellung belegen. Weil er nach dem Erscheinen des Manifests – zutreffenderweise – mit seiner Festnahme durch die Stasi rechnete, will er alle verräterischen Papiere vernichtet haben. Und auch die Mitschrift von Schwarz ist unauffindbar – in der Dokumentationsstelle des Spiegel befinden sich keine Unterlagen mehr dazu.

Viele Historiker misstrauen nicht zuletzt auch deshalb der offiziellen Version von der Autorenschaft des Manifests. Sie halten es ebenso für möglich, dass Spiegel-Redakteure selbst das Papier geschrieben haben könnten. Sogar die These, der 1976 ausgebürgerte Liedermacher Wolf Biermann habe das Manifest verfasst, wird – gestützt auf semantische Analysen des Textes – ernsthaft diskutiert.

Nun hat der Historiker Siegfried Suckut im Stasi-Archiv einen überraschenden Fund gemacht, der von Bergs Version bestätigen könnte. Es ist die 14 Seiten lange Kopie eines Papiers, „bei dem es sich inhaltlich offensichtlich um eine Vorfassung des später im Spiegel veröffentlichten Manifest handelt“. So schreibt es Suckut in einem Aufsatz, der dieser Tage in dem von der Bundesstiftung Aufarbeitung herausgegebenen „Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2015“ erscheint.

Eine kleine Sensation

Der Fund ist eine kleine Sensation, denn bislang galt das Original des Manifests als verschwunden. In dem von der Stasi archivierten Text finde man „in vollem Umfang“ den Wortlaut des veröffentlichten Aufrufs wieder, schreibt der Historiker. Die veröffentlichte Fassung sei lediglich um einzelne Absätze erweitert worden, die aber möglicherweise von Berg selbst ergänzt hatte, als er dem Spiegel-Korrespondenten das Manifest in den Block diktierte. Unterzeichnet ist das Dokument aus dem Stasi-Archiv wie auch das vom Magazin veröffentlichte Manifest mit der Autorenangabe „Berlin, Oktober 1977, BDKD Zentrale Koordinierungsgruppe“.

Ist das der „rauchende Colt“, mit dem sich die Existenz der geheimnisvollen SED-Opposition doch noch nachweisen lässt? Suckut bleibt skeptisch. Zwar spreche alles an dem Stasi-Papier für dessen Authentizität, betont der Wissenschaftler, der jahrelang die Abteilung Bildung und Forschung in der Stasiunterlagen-Behörde leitete und daher die Echtheit von MfS-Akten einschätzen kann. Hermann von Berg aber, dem er das Manuskript vorlegte, habe bestritten, dass dies die „echte“ Vorlage gewesen sei, die er Schwarz diktiert habe.

Der 82-jährige frühere Ökonomieprofessor habe zudem auf falsche Schreibweisen von DDR-typischen Begriffen in der Stasi-Kopie hingewiesen: So sei darin das SED-Wirtschaftsprogramm der 1960er Jahre mit NÖSPEL abgekürzt worden, obgleich die korrekte Abkürzung NÖSPL gewesen sei – ein Fehler, der SED-Funktionären nie unterlaufen wäre, so von Berg. Ebenso falsch sei das Wort „Trabby“ als Begriff für den Trabant – in der DDR war die anglizistisch eingefärbte Schreibweise mit y untypisch. Auch der Spiegel hatte korrekt von NÖSPL und Trabbi geschrieben.

Wer waren die BDKD-Mitglieder?

Unklar ist laut Suckut, auf welchem Weg die Kopie des Manifest-Entwurfs zur Stasi gelangte. Von Berg weigert sich bis heute, Namen von BDKD-Mitgliedern öffentlich zu machen. In der Berliner Zeitung hatte er 1995 lediglich sechs Mitstreitern genannt, von denen damals bereits vier verstorben waren und ein fünfter unauffindbar blieb. Der sechste Mann, der frühere Leipziger Geschichtsprofessor Heinz Niemann, bestätigte zwar seine Mitarbeit an dem Manifest aber nicht die Existenz des BDKD.

Und so bleibt Suckuts Fazit zwiespältig. Klar sei zumindest, dass es sich bei dem Stasi-Dokument um eine Vorfassung des Spiegel-Manifest handele, schreibt er. Wer das Papier aber verfasst hat, ob es Autoren im Osten und/oder Westen waren und ob es den BDKD gegeben hat – all dies bleibe weiter unklar. Letztlich werfe das Dokument aus dem Stasi-Fundus, so der Historiker, mehr Fragen auf, als es beantwortet.