Die erste Szene gibt den Rhythmus vor – man ist gewarnt: Dreieinhalb Minuten schwenkt die Kamera über einen Strand, stößt an einen Zaun und zeigt schließlich den Rücken eines älteren Herrn. Das ist noch nicht so extrem wie der zehnminütige Sonnenaufgang zu Beginn von „Stellet Licht“ von Carlos Reygadas, aber dessen Landsmann José Lusi Valle gibt mit „Workers“ ja auch erst sein Spielfilmdebüt, das allerdings ist stilistisch schon prägnant genug, dass er mit anderen mexikanischen Kunstfilmern wie Alejandro Gonzalez Innaritu oder eben Reygadas verglichen wird.

Der Zaun ist die Grenze zu den USA, von Mexiko aus gesehen, und der Mann ist Rafael. In den nächsten Szenen bereitet er sich auf einen neuen Lebensabschnitt vor. In einem Schuhgeschäft kauft er Schuhe. Bei einem Friseur lässt er sich frisieren. In einem Tattoo-Studio ergänzt er die Galerie auf seinem Rücken. Und dann sagt sein Arbeitgeber, ein namhafter Elektrokonzern, dass man ihn nicht berenten könnte, denn er sei illegal hier. Er dürfe aber – wenn das kein Angebot ist! – weiter arbeiten, seine 30-jährige Erfahrung im Reinigen der Räume, Gänge und Toiletten weiter einbringen. Dafür würde man ihn auch nicht bei den Behörden anzeigen.

Arbeit bis zum Ende

Szenen bei Personalchefs gehören zum Standardrepertoire des zeitgenössischen sozialkritischen Kunstfilms. Obwohl die Botschaft immer dieselbe ist – Arroganz der Macht und starre Vorschriften gehen ungerührt über den menschlichen Sonderfall hinweg –, muss daran irgendwas reizvoll sein. Auch die Reaktionen der Figuren auf ihre achselzuckende Abfertigung ist fast immer gleich: Geknickt verlassen sie das Büro. Rafael wird diese Behandlung schließlich doch nicht unwidersprochen hinnehmen – aber das erfahren wir erst am Ende. Bis dahin sehen wir ihm beim Abwaschen zu, beim Busfahren und bei anderen Dingen, die das Leben abwechslungsreich machen.

Aber da gibt es noch einen anderen Fall, den von Rafaels Exfrau Lidia, die bei einer reichen, todkranken Frau und ihrem Windhund namens Princesa arbeitet. Princesa wird so behandelt, wie sie heißt, mit penibel abgewogenen Filetsteaks aus goldenem Napf gefüttert, gebadet und mit verschlossenen Augen durch die Dreckecken von Tijuana geführt. Princesa wird zur Alleinerbin, und das ganze Personal einschließlich Lidia muss nun weiterhin für den Hund arbeiten.

Wie hier ein Tier besser behandelt wird als ein Mensch, das kann man für eine humoristisch-absurde Übertreibung halten oder schlicht pervers finden. Der Regisseur José Luis Valle zieht sich auf die Beobachtungsposition zurück – und das mag wiederum für die einen den Gipfel inszenatorischer Kunst markieren, den anderen jedoch prätenziös vorkommen. Ein Meisterwerk erzählerischer Dynamik will „Workers“ gewiss nicht sein. Valle wählt den leichteren Weg eines reduktionistischen Stils der berüchtigten langen Einstellung mit unbewegter Kamera und eines Rhythmus, der so langsam ist, dass man ihn als solchen nicht mehr wahrnimmt.

Von der Monotonie zum Schelmenstück

Sucht man nach dem Punkt, an dem sich die Geschichten von Rafael und Lidia treffen, dann stößt man – neben dem biografischen Schnittpunkt der Hauptfiguren in der Vergangenheit – auf den Umstand, dass beide immer weiter arbeiten müssen, dass es trotz Erreichen der Altersgrenze oder des Todes der Arbeitgeberin keinen Ruhestand gibt. Das Paradies, wie es sich der Chauffeur des Hundes erträumt, ist ein Restaurant, in dem er speist und aus dem er flieht, ohne zu bezahlen.

Die kapitalistischen Machtverhältnisse sind gnadenlos – es sei denn, man übt List und Tücke: Lidia trifft sich mit ihren Kollegen in der halbdunklen Besenkammer zur Verschwörung gegen den Hund. Rafael findet Mittel und Wege, seinen Arbeitgeber zu schädigen. So findet dieser oft grausam langsame und monotone Film am Ende zu einer heiteren, ja schelmischen Botschaft.

Workers Mexiko/Dtl. 2013. Buch & Regie: José Luis Valle, Kamera: César Gutiérrez Miranda, Darsteller: Jesús Padilla, Susana Salazar, Bárbara Perrín Rivemar u. a.: 116 Minuten, Farbe. FSK ab 6.