Das Wort „intensiv“ fällt nicht selten, wenn über Filme gesprochen wird. Es dient der Beschreibung von Momenten, die das Mitfühlen und -denken des Zuschauers konzentrieren. Für die Verfilmung des Romans „Spieltrieb“ von Juli Zeh trifft es in besonderer Weise zu. Der Film lenkt nicht nur den Blick auf eine unmögliche Beziehung zwischen einer Minderjährigen und ihrem Lehrer. Er zeigt gleichzeitig die teuflische Verführungskraft eines jungen Mannes, der sich außerhalb der moralischen Normen bewegt.

Handlungsort ist eine Schule. Die 15-jährige Ada hat zwei Klassen übersprungen und landet an ihrem Elite-Gymnasium unter lauter – wie sie selbst sagt – Prada- und Gucci-Models. Mit der Oberflächlichkeit dieser Mädchen kann sie nichts anfangen. Und die Jungen mobben sie als unbekanntes Objekt, als Intelligenzbestie. Die Schauspielerin Michelle Barthel sieht mit ihrem runden Gesicht jünger aus als die Mitschülerinnen, sie spricht mit leicht quietschiger Stimme aus dem Off, ordnet romangetreu die Lage des Mädchens ein. Doch sobald sie sich im Unterricht äußert, merkt man, dass sie reifer ist als die anderen. Sie wird noch weiter wachsen im Laufe dieser Coming-of-Age-Geschichte.

Als Alev neu in die Klasse kommt, entdeckt sie einen Verwandten. Auch er hat etwas Besonderes, nicht nur, weil er in verschiedenen Ländern aufgewachsen ist und eine selbstbewusste Schönheit ausstrahlt. Jannik Schümann spielt ihn so, dass sich nicht einmal die Lehrer seiner Ausstrahlung entziehen können. Einzig der Geschichtslehrer Höfi, von Richy Müller berührend als erfahrener Alter interpretiert, vermag aus den Wortgefechten mit ihm als Sieger hervorzugehen. Höfi ist ein Mann mit Prinzipien, doch von Krankheit gezeichnet. Dagegen erscheint der junge Sport- und Deutschlehrer Smutek (Maximilian Brückner) als weicher Typ, oft um die richtige Antwort verlegen. Dass er Ada mag, ist unübersehbar.

Alev füttert Ada so lange mit kühler Freundlichkeit an, bis sie ihm folgt. Nicht brav wie ein Hündchen – sie glaubt sich als gleichberechtigte Partnerin. Endlich hat sie einen Verbündeten. Denn ihr Vater taucht nur in hasserfüllten Sätzen der Mutter auf; die Mutter ertränkt ihr Selbstmitleid in Alkohol. Ada ist zu jung, um zu glauben, dass der bewunderte Alev ein falsches Spiel spielt. Sie lässt sich darauf ein, Smutek zu erpressen, weil Alev sein Vorhaben in philosophisch klingende Sätze über innere Bestimmung und menschliche Natur kleidet. Praktisch nutzt er dazu eine Kamera, das Internet und Adas weibliche Reize.

Gregor Schnitzler inszeniert die Szenen um die Jugendlichen und den Lehrer als Kammerspiel von theatralischer Klarheit. Sogar die Atemgeräusche wirken dosiert – wenn Ada durch den Wald joggt genauso, wie wenn sie Smutek in die leere Turnhalle lockt. Chronologisch folgt der Film dem Geschehen, so nimmt die Dramatik beklemmend zu. Schnitt und Musik scheinen dem Genre des Thrillers entlehnt, alles steuert auf einen Knalleffekt hin. Doch dann wird noch weiter erzählt – wie im Roman. Es gibt ein juristisches Nachspiel, das die Beteiligten auf den Mikrokosmos Schule zurückwirft. Die durch den Film im Bild längst aufgeworfenen moralischen Fragen werden ausgesprochen. Die Schule ist eben auch ein Experimentierfeld der Gesellschaft mit Regeln für den Umgang von Menschen mit Menschen.

Spieltrieb Dtl. 2013. Regie: Gregor Schnitzler; Drehbuch: Kathrin Richter,

Jürgen Schlagenhof, nach dem Roman von Juli Zeh; Kamera: Andreas Berger; Darsteller: Michelle Barthel, Jannik Schümann, Maximilian Brückner, Richy Müller u. a.; 101 Minuten, Farbe, FSK ab 12.