Spielzeit Europa: Blut tropft aus der Dunkelheit

Berlin - Im vergangenen Sommer war der samoanische Choreograf Lemi Ponifasio gleich zwei Mal in der Stadt zu Gast. Beim Tanz im August zeigte er sein großartiges Stück "Tempest: Without a Body" mit dem in Neuseeland berühmten maorischen Widerstandskämpfer Tame Iti in der Hauptrolle. Im Schloss Charlottenburg hielt er ein Mau-Forum ab, eine hochnotpeinliche Veranstaltung der Berliner Festspiele mit viel Prominenz. Daran muss man denken, während man jetzt im Haus der Berliner Festspiele sitzt, bei der Uraufführung von Lemi Ponifasio "Le Savali: Berlin", mit dem das Festival Spielzeit Europa eröffnet wird.

Dieser Partner bringt dem Choreografen aus Samoa offenbar nicht viel Glück. Auch "Le Savali: Berlin", erarbeitet mit Lemi Ponifasios in Neuseeland ansässiger Mau-Company und zahlreichen Mitwirkenden aus Berlin, ist völlig misslungen. Düster, verlangsamt geht es bei Ponifasio immer zu. Aber in "Tempest: Without a Body" und in "Birds with Skymirrors", das ebenfalls bei Spielzeit Europa gezeigt werden wird, ist das Pathos, das durch Reduktion erzeugt wird, mit Inhalt gefüllt. Ja, Lemi Ponifasio, noch bis vor kurzem in Europa völlig unbekannt, schien wie ein Ausnahme-Choreograph am Horizont aufzublitzen.

In "Le Savali" scheint der Kaiser aber nackt zu sein. Vorzugsweise lässt Ponifasio seine 26 Performer verlangsamt über die Bühne laufen. Solch unerbitterlicher Minimalismus kann funktionieren; immerhin hat Ponifasio seine Mau-Tänzer und die Berliner Darsteller (zum Teil sind es Laien) zu einer hochkonzentrierten, homogenen Gruppe gefügt. Nur die Bilder dazwischen funktionieren nicht. Albern ist dieser Tänzer am Anfang, der wie einst Mogli im "Dschungelbuch" auf allen Vieren über die Bühne geht, sich zwischendurch aufrichtet und in Wolfsgeheul ausbricht. Albern auch wie Ioane Papalii, ein eigentlich großartiger Performer, in Slow Motion über die Bühne läuft, die Arme opfernd streckt und vom Schnürboden mit Blut betropft wird.

Der ganze Aufwand, auch der Chor Bulgarian Voices Berlin und ein Orchester waren beteiligt, war zuviel. Man sah einem Choreographen zu, der des Überangebots Herr zu werden versuchte und dabei nur hohle Behauptungen produzierte. Allein das Licht (Helen Todd), teils die Musik (Fabrizio Cassol) und die Bühne (Lemi Ponifasio) funktionierten. 2012 produziert Lemi Ponifasio gemeinsam mit Heiner Goebbels ein großes Stück bei der Ruhrtriennale. Hoffentlich ist er bis dahin wieder auf den Boden des Wirklichen angekommen.

Am 8. und 9.10., jeweils 20 Uhr, Karten unter Tel. 25489100.