Spielzeit Europa: Wo Zwang ist, ist auch Volkstanz

Berlin - Im Foyer reicht einem die Pressedame ein kleines Büchlein. Nein, nicht zu Hofesh Shechter, dem Choreografen, dessen Stück es gleich drinnen im Theatersaal zu sehen geben wird. Auch nicht zur aktuellen Spielzeit Europa, der letzten unter Leitung von Brigitte Fürle, bevor der neue Intendant Thomas Oberender das Haus übernimmt.

Nein, das Büchlein lässt noch einmal die Spielzeit Europa des vergangenen Jahres Revue passieren. Als alles noch so war, wie es sein sollte. Lauter berühmte Namen, Isabelle Huppert, das Bolschoi Ballett, Sidi Larbi Cherkaoui. Lauter sichere Erfolgsstücke, positive Presse und ein ausverkauftes Haus.

Es ist so, als wollten Fürle und ihr Chef Joachim Sartorius noch einmal daran erinnern, dass die aktuelle, katastrophal schlechte Festivalausgabe nicht bezeichnend ist für das, was sie geleistet haben in ihren acht Jahren dort. Aber in gewisser Weise ist sie das eben doch. Denn in den Jahren davor hat Fürle mit viel Geld vor allem die sicheren und bewährten Nummern eingekauft und auch da nicht unbedingt die besten.

Halb Rockkonzert, halb Bühnentanz

Spannende Entdeckungen konnte man eher beim privat finanzierten Tanzfestival Movimentos in Wolfsburg machen als bei den großen Berliner Festspielen. Der aus Israel stammende und in England binnen weniger Jahre zum Superstar avancierte Choreograf Hofesh Shechter etwa, der es dann jetzt ganz zum Schluss dann doch noch genial krachen lässt bei der Spielzeit Europa, hat in Wolfsburg seinen ersten Preis zu einem Zeitpunkt erhalten, als sie in Berlin noch nicht einmal seinen Namen hätten buchstabieren können.

Zum Abschluss ihrer Berliner Tätigkeit wollte auch die Kuratorin Fürle einmal etwas riskieren und gewagte, politisch radikale Stücke zeigen. Doch auf diesem Terrain hat sie schlichtweg versagt. Nach vielen peinsamen Verunglückungen bebt jetzt zu guter Letzt das Haus dann doch bei Shechters „Political Mother: The Choreographer’s Cut“. Ein Stück, halb Rockkonzert, halb Bühnentanz. Die Stühle sind aus dem Parkett entfernt, die Zuschauer stehen. Viele wirken entnervt am Anfang, bevor es losgeht, bevor da im düsteren Hintergrund der Bühne wohl in zwei Metern Höhe sechs Cellisten sichtbar werden. Jeder von ihnen ist in ein eigenes kleines schwarzes Kästchen eingepfercht, traurig streichen diese Musiker ihre Instrumente. Und kaum hat man sich vom ersten Staunen erholt, erklingt schon ein dunkles, nichts Gutes verheißendes Rumoren.

In der Etage über den Cellisten drischt eine Nazi-Rockband auf ihre E-Gitarren, alsbald trommeln in der untersten Etage dieser dreigeschossigen Installation Militärs im Gleichmarsch. Auf die Bühne ergießt sich ein Strom von Tänzern. Zunächst glaubt man nicht, dass sie gegen die überwältigende, auch überwältigend laute Musik je ankommen könnten. Aber Hofesh Shechter hält dem großen Auftakt, mit dem er sein Stück einleitet, tatsächlich stand. Auch wenn man sich manchmal weniger Getriebenheit wünschte, wenigstens ein paar Momente, in denen das beunruhigend hyperaktive, vibrierende Treiben auf der Bühne einfach zu Stillstand käme: Für den israelischen Choreografen, der sich drohenden Einsätzen als Armee-Reservist durch seine Auswanderung nach England entzog, und der die Zeit beim Militär als härtesten Realitätsschock seines Lebens bezeichnet, gibt es kein Atemholen. Vom gleichzeitigen Bedürfnis nach Gleichmarsch und Anarchie werden die tanzenden, lärmenden Körper regelrecht zerfetzt.

Kein Innehalten ist möglich. Die Idylle, der Schock der Geschichte, des Holocausts, der Wunsch nach Macht, der nach Gemeinschaft: Shechter schüttet alles ineinander, zu einem gewaltigen, verstörenden Bewegungs- und Musikstrom. „Wo Zwang ist, ist auch Volkstanz“, heißt es zum Schluss. Absurd, ja albern mag das wirken. Aber Folkdance ist das, womit Shechter einmal begonnen hatte, was er liebte. Eigentlich.