Blick ins Parkett des Berliner Ensembles. Jede zweite Reihe und viele weitere Plätze wurden im Zuge der Corona-Maßnahmen ausgebaut. 
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BerlinDie Theatersaison hat angefangen, und groß ist die Sehnsucht, sich nicht das Spiel verderben zu lassen von diesem Virus. Und eigentlich fühlt es sich ja auch fast schon so an wie früher: Die Premieren kommen zum Spielzeitstart in gewohnter Dichte über das Publikum. Dieses allerdings ist durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie stark dezimiert: Höchstens ein Drittel, manchmal nur ein Fünftel der Plätze dürfen in den Sälen freigegeben werden.

Für die Privattheater ist das verheerend. Die von Stadt, Land und Bund subventionierten oder getragenen Bühnen können sich da geschützter fühlen, auch wenn sie nicht in der Lage sind, die reduzierten Einnahmen selbst auszugleichen. Aber es geht nicht nur um diese in Zuwendungen und Schulden aufrechenbaren Nöte, sondern auch um den von Geld unabhängigen Stellenwert der hohen Künste in der Gesellschaft. Und da schleicht sich die Katastrophe eher unmerklich ein, könnte aber einen kulturellen Kollateralschaden hinterlassen, der nicht wieder gutzumachen ist.

Habe ich eben wirklich „hohe“ Künste geschrieben? Hoch sollen sie ja nun gerade nicht sein, zumindest hinsichtlich der Zugänglichkeit auch für Leute, die weder ein Theaterwissenschaftsstudium absolviert noch ein Abo von ihren Eltern geschenkt bekommen haben oder mit Premierenbesuchen ihren gesellschaftlichen Status pflegen. Gegen eine solche Elitisierung und Blasenbildung kämpfen die Bühnen an: mit Vermittlungsprogrammen, Theaterpädagogik, mit Debattierfreude, politischer Haltung, manchmal auch mit verrutschten Anbiederungen.

Dieser Kampf nun wird durch die Daumenschraube der Verknappung angezogen. Ein rein mechanischer Vorgang, der die vielen Bemühungen torpedieren könnte. Die Schwellen zu den Zuschauersälen, die abzutragen wären, stehen nun als Mauer vor dem Kassenhäuschen. Allein von der Verknappung zu hören, wird viele potenzielle Zuschauer vom Kartenkaufversuch abhalten. Das Auslastungsfieber steigt dennoch rasant an. Am ersten Tag dieses Monats hat das Berliner Ensemble bereits 87 Prozent seiner Karten vergeben. Dabei wurden die Kontingente für Presse-, Ehrenkarten und Besucherorganisationen auf ein Drittel gekürzt. Das Haus weist darauf hin, dass es noch einiges zu holen gebe, auch ermäßigte Karten und auch für neue Inszenierungen.

Das Gespräch, das im und um das Theater stattfindet, strahlt seit jeher und naturgemäß aus einem kleinen Kreis, zu dem aber jeder Zutritt hat. Zur Zeit braucht man vielleicht ein bisschen mehr Glück. Es darf nicht zum Luxus einer Kulturelite werden.