Seitdem der US-Bezahlkanal HBO Ende der Neunzigerjahre mit ambitionierten Serien wie „The Sopranos,“ „Six Feet Under“ und „The Wire“ ein neues, goldenes TV-Zeitalter eingeläutet hat, gibt es immer mehr erzählerisch wie inhaltlich mutige Fernseherzählungen: Popkulturell führt heute an „Breaking Bad“, „Game of Thrones“, „Mad Men“ oder der US-Neuauflage von „House of Cards“ kein Weg mehr vorbei. Sex, Gewalt, aber auch Sozialkritik, man traut sich was im Fernsehen, das ist erstaunlich profitabel und, ja, eine kleine Revolution in der Flimmerkiste, die heute Flachbildschirm oder Tablet heißt.

Die Berlinale, unter Dieter Kosslick erkennbar bemüht, immer neue Themen und Formate einzubinden, will da auch nicht abseits stehen. Mit Matthew Weiner ist in diesem Jahr ein „Sopranos“-Veteran und „Mad Men“-Macher in der Internationalen Jury; das Festival zeigt als „Berlinale Special“ auch seine Komödie „Are You Here“ mit Owen Wilson und Zach Galifianakis. An sich ist das schon eine bemerkenswerte Anerkennung des neuen Fernsehens.

Doch das Festival geht noch einen Schritt weiter auf das konkurrierende Bewegtbild zu: Am Montag und Dienstag laufen im Haus der Berliner Festspiele Episoden aus acht neuen Serien, darunter Matthias Glasners „Blochin“ mit Jürgen Vogel, „Bedraget“ aus Dänemark und – zweifellos von Serien-Junkies am dringlichsten erwartet – der „Breaking Bad“-Ableger „Better call Saul.“ Das ist eine beachtliche Sonder-Präsentation, mit der die Berlinale ein deutliches Zeichen setzt.

Ob das aber auch ein gutes ist, bleibt eine Frage der Perspektive. Selbsternannten Hütern des Filmfestivals und der vermeintlich wahren Kino-Lehre ist derlei natürlich ein Skandal, wenigstens ein Skandälchen, und man kann zu Recht fragen, ob und wann die Berlinale auch YouTube-Formate oder ähnliche Internet-Produktionen einbinden wird.

Tatsächlich kann man die Einbeziehung des „Qualitätsfernsehens“ durch das Festival kritisch sehen, als Tanz mit dem Totengräber. Denn überall, wo sich der neue TV-Wagemut und innovative Fernsehserien durchgesetzt hat, zieht er viel Talent aus dem Kino ab: Wer sich bei einem Film mit striktem Jugendschutz und möglichst auf mehrheitsfähiges Niveau heruntergeschraubten Geschichten herumschlagen muss, wechselt gerne zum Fernsehen, wo die Möglichkeiten vielfältiger sind und die Budgets nicht mehr so klein.

In den USA fühlen sich heute besonders Drehbuchautoren und Schauspieler im Fernsehen oder bei den neuen Serienformaten von Online-Anbietern wie Netflix oder Amazon besser aufgehoben als beim Spielfilm. Wohin das langfristig für das Kino führen kann, ist nur zu ahnen.

Berlinale Special Series 9. 2. und 10. 2.: jeweils 13–23 Uhr, Haus der Berliner Festspiele