Noch vor wenigen Jahren herrschte ständiger Sprachalarm in Deutschland. Natürlich, die Sache war ernst. Kitas und Grundschulen sahen sich mit Kindern konfrontiert, die zum Teil nicht ein einziges Wort Deutsch sprechen konnten. Die Kinder kamen aus Osteuropa, hatten arabisch- oder türkischstämmige Eltern oder einfach auch nur Eltern, die nicht mit ihren Kindern sprachen. Solche Fälle gibt es immer noch. Insgesamt aber verbessert sich die Situation kontinuierlich.

Doch nun droht Gefahr von neuer Seite. In Kreuzkölln ist nicht Deutsch und auch nicht Türkisch oder Arabisch, sondern – wenn man dem bloßen Eindruck auf der Straße folgt – Englisch die am meisten gesprochene Sprache. Eine ganz eigene Kolonie hat sich gegründet; neue Parallelwelten sind entstanden. Ganz international einerseits, denn die Mitglieder kommen aus der gesamten Welt, aber gleichzeitig handelt es sich um einen in sich geschlossenen Kreis. Es gibt Geschäfte in denen man nur auf Englisch einkaufen kann. Versucht man es auf Deutsch, erntet man ratlose Blicke.

Wenn ich bei meinem supernetten Friseur einen Termin machen möchte, ist das auf Deutsch unmöglich. Diese Sprache beherrscht im Laden keiner. Mein Friseur kommt aus Frankreich. Ich dachte, er wäre schwul, aber vor kurzem ist er Vater geworden. Seine Freundin ist Argentinierin. Er kann kein Spanisch und sie kein Französisch. Sie sprechen, wie fast alle anderen, die sie in Berlin kennen, Englisch miteinander. Sie arbeiten viel und sind gern mit ihren Freunden unterwegs. Sie haben einfach keine Zeit, Deutsch zu lernen. Sie leben in einer globalen Community. Jetzt spricht er Französisch mit dem Baby und sie Spanisch. Da sie sich gemeinsam und auch mit dem Rest der Welt auf Englisch unterhalten, wird das Baby auch noch mit dieser dritten Sprache aufwachsen.

Ein Kind, das gleichzeitig mit drei Sprachen aufwächst, der Sprache des Vaters, der Sprache der Mutter und der Sprache der Umwelt – das ist inzwischen keine Seltenheit mehr. Baby- und Kleinkindergehirne kommen mit so etwas klar, behauptet die Sprachwissenschaft. Aber was passiert, wenn es nun vier Sprachen sind?

Die Sache ist ein eher neues Phänomen. Selbst mein Friseur ist sich nicht ganz sicher. Soviel steht fest: Damit er sich wohl fühlt mit seinem Baby, muss er Französisch reden und die Mutter Spanisch, und ohne Englisch kommen sie sowieso nicht klar. Aber Deutsch? Oh, là là. Vermutlich werden sich in Zukunft die Kleinen auf Kreuzköllner Spielplätzen eher auf Englisch um die Sandkastenförmchen streiten. Aber wer weiß nun, was Sandkastenförmchen auf Englisch heißt?