Wie hieß noch mal der Berliner Abgeordnete, der es sich, vermutlich im Zusammenhang mit Klaus Wowereits Outing, beleidigt verbat, „heterosexuell“ genannt zu werden? Was haben wir gelacht, damals vor rund 20 Jahren! Und vielleicht sicherheitshalber doch noch einmal nachgeschlagen (zu Hause, denn Google war noch jung und Smartphones gab es keine), weil dieses Wort ja wirklich ungebräuchlich war. Warum sollte man die Norm auch benennen?

Dass heute der Verdacht aufkriecht, der, dessen Name nicht genannt werden kann, könne vielleicht berechtigterweise empört gewesen sein, weil er eben wirklich nicht heterosexuell war (bzw. ist), zeigt, wie sich die Welt verändert hat. (Und dass man immer nur mit den Menschen lachen soll, niemals über sie, aber das bloß nebenbei.) Sprache schafft zweifellos Bewusstsein und Sichtbarkeit, richtet aber auch zu und grenzt ab von all dem, was nicht extra benannt werden muss. Das größte gesellschaftliche Privileg ist die Selbstverständlichkeit, und darauf, dass sie auf Ausgrenzung basiert, hat zuletzt die Autorin Alice Hasters im Rassismus-Begriffsstreit mit Dieter Nuhr wieder hingewiesen.

„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“, hieß es bei Karl Valentin schon 1940, aber dass es sich bei der weißen Hetero-Existenz nicht um das Synonym von „Mensch“ handelt, dämmert den entsprechenden Vertretern tatsächlich erst seit wenigen Jahren. Und während deren aufkeimende Selbstentfremdung zart dazu heranreift, sich unter Fremden etwas weniger (weil im Grunde ebenso) fremd zu fühlen, wird insbesondere von der Jugend weiter ausdifferenziert und an blühenden Rändern gegärtnert.

Nicht autistisch zu sein etwa, heißt jetzt „neurotypisch“ (oder auch „neuronormativ“) zu sein, weiß man etwa seit der Netflix-Serie „Atypical“. Und im Vergleich zur Hauptfigur des (von Keir Gilchrist gespielten) 18-jährigen Autisten Sam Gardner ist es definitiv nicht cool, neurotypisch zu sein, und ohnehin zumeist neurotisch. Auch der Erfolg des Films „Systemsprenger“ hat vielleicht nicht nur mit der künstlerischen Qualität zu tun, sondern auch mit dem Angstlust evozierenden Eingeständnis, dass hier etwas (die Psyche eines Mädchens) ganz und gar nicht einzubinden ist. Ja, so ist es, und man spürt es wohl: Das Ganze zerfällt in seine Teile.

„Das Gegenteil von ‚fremd‘ wäre also ‚unfremd‘?“

„Zu meiner Zeit“, sagten Eltern früher, um auf Werte hinzuweisen, die die Jugend sträflich missachtete. „Zu meiner Zeit“, sage ich heute, um bei meinen Töchtern um Verständnis dafür zu werben, dass ich noch im Versuch der Überwindung in Kategorien wie weiblich und männlich, Single oder Paar und, ja: schwarz oder weiß denke. Denken muss. „Wir definieren das nicht“, sagen sie, und im Reflex, das als kokett abzutun, stehen mir das eigene Alter und der nächste Schritt der Debatte als Fluch und Segen klar vor Augen.

„Das Gegenteil von ‚fremd‘ wäre also ‚unfremd‘?“, fragt der Lehrer in Karl Valentins Szene „Die Fremden“.  Die Schülerin kann ihm da letztlich nicht helfen: „Wenn ein Fremder einen Bekannten hat, so kann ihm dieser Bekannte zuerst fremd gewesen sein, aber durch das gegenseitige Bekanntwerden sind sich die beiden nicht mehr fremd. Wenn aber die zwei zusammen in eine fremde Stadt reisen, so sind diese zwei Bekannten jetzt in der fremden Stadt wieder Fremde geworden. Die beiden sind also – das ist paradox - fremde Bekannte geworden.“ Immerhin.