Auf dem Tisch in seinem Büro im 18. Stock des Springerverlagshauses in Berlin steht eine Schüssel mit Gummibären, an der Wand sind in einem Bilderrahmen die Flaggen Deutschlands, Israels, der USA und der Europäischen Union aneinandergereiht – die wichtigsten Eckpfeiler im Wertekosmos des Mathias Döpfner. Darüber schreibt der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG in seinem neuen Buch „Die Freiheitsfalle“ – über die großen Ereignisse, die die Freiheit erschüttert haben - 9/11 oder der Finanzcrash – und auch über jene, die sie vorangebracht haben, wie der Fall der Berliner Mauer.

Ein Patchwork aus nachdenkenswerten Analysen und Zuspitzungen, die man so zum Teil aber schon an anderen Stellen gelesen hat. Das überraschende an diesem Buch sind die vielen, eher dezent platzierten Querverweise, die von den großen Linien der Politik auf Döpfners Vita führen – auf seine pazifistische Erziehung und auch die Traumata, von 68er Lehrern unterrichtet zu werden. An diesen Schnittstellen bekommt man eine ziemlich präzise Ahnung davon, was den Mann antreibt, der Europas größten Zeitungskonzern leitet.

Herr Döpfner, fangen wir mit einem Assoziationsspiel an, das den Musik-Kritiker, der Sie mal waren, fordert. Wir nennen Ihnen Zeilen aus mehreren Freiheits-Songs und Sie sagen uns, wer sie gesungen hat…

Das wird nicht hinhauen. Wir können es gerne versuchen. Aber ich sage Ihnen: Die geringe Trefferquote wird Sie erschüttern.

Probieren wir es trotzdem: “Freedom is just another word for nothing left to lose”.

Ich weiß es nicht. Ich werde keinen einzigen Song erkennen, weil ich grundsätzlich nie auf den Text von Popmusik achte.

Wie kommt das?

Ich höre nur das Arrangement, den Rhythmus, die Melodie, die Stimmfarbe, die Phrasierung, die Orchestrierung. Ich spiele Ihnen hier nichts vor. Es ist, wie es ist.

Okay, noch einen Versuch. Den Song kennt eigentlich jeder: „I´ve been looking for freedom“.

Hm. Ich muss wieder passen.

David Hasselhoff.

Aha.

Also gut, Sie haben uns überzeugt, wir brechen ab. Wir kamen auf dieses Spiel, weil Sie in Ihrem neuen Buch „Die Freiheitsfalle“ ein Schlüsselerlebnis im Zusammenhang mit befreiender Musik beschreiben. Die bayerischen Behörden wollten 1983 ein Konzert des Reggae-Sängers Peter Tosh verbieten, weil der in seinen Songs die Legalisierung von Drogen forderte. Diese Zensur fanden Sie nicht gut, und schrieben darüber einen Artikel, den Sie als freier Mitarbeiter der FAZ anboten. Die FAZ wollte einige meinungsstarke Passagen herausstreichen. Das fanden Sie erst recht nicht gut und setzten durch, dass der Artikel so gedruckt wurde, wie Sie ihn geschrieben hatten. Was brachte einen jungen Konservativen dazu, eine Lanze für einen umstrittenen Reggaesänger zu brechen

Reggae war damals ein die gesamte Popmusik beeinflussendes, hochinteressantes Phänomen. Wobei mein Artikel nicht besonders gelungen war, das könnten Sie leider vermutlich noch im Archiv nachlesen…

…haben wir schon gemacht. Sie beschreiben darin mit akademischer Akribie die Strukturen des Reggae. Wir zitieren: „Man nehme einen dumpfen, schwerfällig daherbrummelnden, oft triolisch spielenden Bass, dazu eine metronombeständig die zweite und die vierte Zählzeit akzentuierende Gitarre und ein den konstanten Grundbeat (Bass-Trommel) durch Kanten- und Zwischenschläge auflockerndes Schlagzeug…“

Ja, es ist kein guter Artikel, ich weiß…

…erst im letzten Drittel beschreiben Sie den Eklat um das Auftrittsverbot.
Das hätte man am Anfang bringen müssen. Stilistisch betrachtet hätte ich den Artikel als Ressortleiter wahrscheinlich nie so ins Blatt fallen lassen. Aber darum ging es ja damals nicht. Es ging um die Freiheit, zu schreiben, was man denkt. Der Vorgang an sich war eine Petitesse, aber für mich als Zwanzigjährigen hat das damals die Welt bedeutet. Auch wenn man die Legalisierung von Drogenkonsum mit guten Gründen kritisieren kann, gefiel mir nicht, dass man das mit der Autorität eines Auftrittsverbots regelt. Und als ich den Artikel abgab, hieß es: „Diese Passagen müssen wir rausstreichen.“ Ich wollte mir aber nicht den Schneid abkaufen lassen und meine Vorstellung von Meinungs- und Pressefreiheit durchsetzen. Das Ganze war sicher auch etwas pubertär. Aber doch prägend. Ich weiß noch, wie ich mich furchtbar heroisch fühlte, als ich damals sagte: Entweder erscheint der Artikel so oder gar nicht.

Das ist aber eher die Attitüde eines Vorstandvorsitzenden, nicht die eines freien Mitarbeiters, der darauf angewiesen ist, dass man seine Artikel druckt.

Mag sein. Als der Redakteur sagte, okay, dann drucken wir es eben so wie es ist, habe ich es jedenfalls als sehr beglückend empfunden, dass ich mich durchgesetzt habe. Die FAZ hat sich letztlich wunderbar verhalten. Und das hat im Grunde zwei Dinge bei mir ausgelöst. Erstens hat es mich ermutigt, die Dinge, die ich für richtig halte, auszusprechen und dafür zu kämpfen, anstatt in vorauseilendem Gehorsam klein beizugeben. Zweitens hat es mich dazu angehalten, später als Vorgesetzter, andere Meinungen, die nicht mit meiner übereinstimmen, zuzulassen. Es war sicher nicht die einzige Episode, die mich dazu bewegt hat, aber doch eine Wichtige.

Sie erwähnen in Ihrem Buch noch einen anderen Freiheits-Song, „Imagine“ von John Lennon. Sie diskutierten darüber mit Nathan Scharansky, dem ehemaligen Vizestaatschef Israels, der den Gulag überlebt hat. Für ihn war „Imagine“ ein Freizügigkeits- kein Freiheitslied. Er kritisierte vor allem die Zeile „Stell dir vor, es gibt nichts, für das es wert wäre zu sterben.“ Teilen Sie seine Ansicht?

Erst war ich schockiert. Dann habe ich erkannt, dass er Recht hat. Es ist faszinierend, wie Scharansky, der um seiner inneren Freiheit Willen neun Jahre im sibirischen Lager jedem Versuch der moralischen Korrumpierung widerstanden hat, aus seinem persönlichen Erleben heraus diesen Songtext interpretiert, über den ich mir nie Gedanken gemacht hatte. Wenn es nichts gibt, für das es sich lohnt zu sterben, dann führt das zu einer Haltung des totalen Relativismus. Die Konsequenz ist, dass man zum Beispiel auch Demokratie, Menschenrechte und eben Freiheit nicht mehr verteidigt. Mich hat das sehr nachdenklich gemacht. Ich habe über Parallelen nachgedacht. Extremes Beispiel: Stauffenberg und der 20. Juli. Da hat jemand die Entscheidung getroffen: Ich riskiere mein Leben, um den Terror des Hitler-Regimes zu beenden. Wenn man glaubt, dass es nichts gibt, für das man sich einsetzen, im extremsten Fall sein Leben einsetzen muss, dann wird man zum Mündel der jeweiligen Umstände. Und man wird die Freiheit nicht verteidigen, sondern verlieren.

Gibt es Grenzen bei der Verteidigung der Freiheit?

Das sind jedes Mal aufs Neue schwierige Abwägungen. Grundsätzlich finde ich es falsch zu sagen: Wir müssen nichts für die Freiheit tun, denn die wird uns sowieso erhalten bleiben. So werden wir die Freiheit auf die Dauer verlieren. Das ist die, nennen wir es, „Freiheitsfalle eins“. In die „Freiheitsfalle zwei“ tappen wir, wenn wir vorgehen wie George Bush, der zur Verteidigung der Freiheit Folter zuließ. In Guantanamo und Abu Ghraib hat er den Rechtsstaat und die Werte der Freiheit verraten. Zwischen diesen Extremen müssen wir den richtigen Weg finden. Und das bedeutet, die Freiheit mit allen demokratischen und rechtsstaatlichen Mitteln zu verteidigen.

Herr Döpfner, Ihr Vater wurde am Ende des Zweiten Weltkrieges als 16-Jähriger Flakhelfer in letzter Minute von einem US-Soldaten vor der Erschießung bewahrt. Sie sind pazifistisch und anti-militaristisch erzogen worden, haben sich unmittelbar vor der Musterung mit Kaffee, Alkohol und tagelangem Schlafentzug körperlich so heruntergewirtschaftet, dass Sie ausgemustert wurden…

Keine Heldentat.

Sie schreiben auch, dass Sie selbst nicht in den Krieg ziehen könnten und sich dafür schämten, weil das bedeute: Andere müssten an Ihrer Stelle die Kastanien aus dem Feuer holen. Aus konservativen Kreisen bekommt man für solche Bekenntnisse schon mal Prügel, vor allem wenn man fordert, die Freiheit müsse verteidigt werden. Wie bringen Sie diesen Widerspruch unter einen Hut?

Mein Leben ist voller Widersprüche. Was ist schon eindeutig? Das ist durchaus ein quälender Prozess, das Ringen mit Widersprüchen. Aber am Ende steht eine Haltung. Und zu der stehe ich, auch wenn sie nicht in klischeegerechte Schubladen passt.

Pazifist zu sein und gleichzeitig die Freiheit verteidigen zu wollen – notfalls mit militärischen Mitteln?

Kein vernünftiger Mensch ist doch für Krieg an sich. Militärische Intervention kann immer nur das allerletzte Mittel sein. Aber manchmal ist es eben unvermeidlich, um Schlimmeres zu verhindern.