Das Haus mit der Adresse Karl-Marx-Straße 165 um 1910. 
Archiv Ralf Schmiedecke

BerlinMan sieht nur, was man weiß, heißt es. Eine Binsenweisheit, gewiss, aber eine treffende. Alltagsblind läuft man oft durch dieselben Straßen und überquert dieselben Plätze, ohne zu wissen, wie diese Straßen und Plätze vor hundert Jahren ausgesehen haben, wie die Menschen damals dort gewohnt und welche Spuren sie hinterlassen haben. 

Ralf Schmiedecke: Neukölln. Einst und Jetzt
128 Seiten, ca. 110 Abb., Format 17,0 x 24,0 cm
Hardcover
Sutton Verlag 

Ralf Schmiedeckes Buch „Neukölln. Einst und Jetzt“, gerade im Sutton-Verlag erschienen, erzählt von Wandel und Veränderung. Es lässt einen neu auf Altbekanntes schauen. Und ist eine Einladung an alle, die Lust auf eine Zeitreise haben. Schmiedecke stellt in seinem Neukölln-Buch historischen Fotografien aktuelle Aufnahmen zur Seite. So entstehen Bilderpaare, die zum genauen Beobachten einladen und für manchen Aha-Effekt sorgen. Von der einst reich verzierten Fassade des Hauses mit der Adresse Karl-Marx-Straße 165 zum Beispiel ist nichts geblieben. Vier riesige Taschen zieren als Wandbild die Hauswand zur Straße, die schon vor hundert Jahren große Wohn- und Geschäftshäuser säumten. Hier befand sich ab 1914 das „Haus der 1 000 Aktentaschen“, auch als „Koffer-Panneck-Haus“ bekannt. Benannt ist es nach dem Sattlermeister Panneck, der lange die Neuköllner Institution führte. 1997 musste man schließen.

Der Körnerpark damals. 
Foto: Archiv Ralf Schmiedecke

Lässt man sich auf die Vorher-Nachher-Bilder ein, wird Kiezgeschichte lebendig. Während viele Orte kaum wiederzuerkennen sind, haben sich andere kaum gewandelt. Im Körnerpark etwa spielten bereits kurz nach der Eröffnung im Jahr 1916 Kinder unter kugelig geschnittenen Bäumen, Männer gingen spazieren, der Efeu wucherte über die Wände der Orangerie. Wie heute. Kurze Begleittexte erläutern im Buch lokalgeschichtliche Hintergründe. Gut zu wissen zum Beispiel: Der Körnerpark liegt tief wie in einem riesigen Becken, schöne Treppen führen zu den bis zu sieben Meter höher liegenden Straßen hinauf. Das liegt daran, dass sich der Park in einer alten Kiesgrube befindet, die der Unternehmer und Namensgeber Franz Körner (1838–1911) der Stadt Rixdorf vermachte. 1983 eröffnete in der alten Orangerie eine kommunale Galerie, heute ist sie immer noch ein beliebter Ausstellungsort.

Hier der Blick vom Hermannplatz zum Kottbusser Damm anno 1925. Links geht die Urbanstraße ab.
Foto: Foto: Archiv Ralf Schmiedecke
Die gleiche Perspektive - heute. 
Foto: Archiv Ralf Schmiedecke

Das Nachtleben hat in Neukölln stets eine große Rolle gespielt. „In Rixdorf ist Musike“ ist ein Gassenhauer aus dem Jahr 1889, der über das proletarische Vergnügungsviertel hinaus populär war. Geschwoft wurde in der Neuen Welt am Hermannplatz oder im Saalbau Neukölln an der Karl-Marx-Straße. Ein Foto aus dem Jahr 1905 zeigt das Gebäude, livrierte Angestellte stehen vor Blumenkübeln. Auch wenn die Fassade modernisiert wurde – die alten prachtvollen Säle sind erhalten geblieben. Heute befinden sich hier der Heimathafen Neukölln, eine kommunale Galerie und das Café Rix. Das Kaffeehaus befindet sich im alten Tanzsaal und imponiert durch Goldstuck und große Spiegel.

Neukölln. Einst und Jetzt. 

Ralf Schmiedecke 
128 Seiten, ca. 110 Abb., Format 17,0 x 24,0 cm, Hardcover
Sutton Verlag, 19,99 Euro

Wohnhäuser am Kottbusser Damm, der vor 1874 Rixdorfer Damm hieß, zeugen ebenfalls von einer vergangenen Pracht. Eine Aufnahme aus dem Jahr 1938 zeigt Straßenbahnen, Busse, Taxen und Wohn- und Geschäftshäuser mit üppigem Stuck. Heute sind viele der Gründerzeitfassaden samt ihrer Opulenz verschwunden. Dort, wo die Weserstraße auf den Kottbusser Damm trifft, gibt es aber ein Haus, dessen kuppelförmiges Dach heute noch heraussticht.  Es wurde 1905 für damals sagenhafte 440 000 Mark erbaut. Einst zierte ein riesiges Segelschiff das Dach.