Die Welt ist ein großes Rauschen und ihre Bild ist zusammengeschoben aus allem: Berge, Strand, romantische Palmen, futuristisch Hochhäuser, Zahlencodes und spacige Projektionen. Ein ausdrucksstarkes Bühnenbild haben Jan Brokof & Co. für die Andcompany & Co. ins Hebbel-Theater (HAU1) gebaut: Starr ist es und fließend in einem, innen und außen, gestern und heute.

Bestes Vehikel für die Gedankenreise, die Alexander Karschnia, Nicola Nord und Sascha Sulimma an diesem Abend in das vergangene Zukunftsland Chile antreten, das Anfang der 70er Jahre in einen digital gesteuerten Sozialismus einsteigen wollte. Wollte, denn Putschisten beendeten den Traum vorzeitig. Warum nun robben sich die drei Performer noch einmal durch die Nachbauten des Experiments?

Ideologien unter der Lupe

Sie sind im Auftrag des HAU unterwegs, das mit dem einwöchigen Festival „Spy on me“ die wachsende Datensammel- und Vernetzungsideologie unserer Tage unter die Lupe nimmt. Ein überfälliges Projekt, aus dem − abgesehen von der völlig belanglos geratenen „Call a Spy Show“ des aktivistischen Peng!Collective − zwei gedankendichte Performances entstanden.

Dass es nicht einfach ist, die Segnungen der digitalisierten Welt treffend zu kritisieren − auch nicht, weil „das Internet“ mittlerweile so etwas wie ein heiliges Eigenleben genießt, dessen Richtung allein ein paar Großkonzerne bestimmen − nennt die Andcompany diese Gegenwart genüsslich „Colonia Digital“ und macht sich in ihrer gleichnamigen Performance auf, nach einer anderen Art der Vernetzung, zumindest: nach einer anderen gesellschaftlichen Relevanz derselben.

Kybernetischer Sozialismus

Fündig wurden sie in den zarten Anfangsjahren des Netzes selbst, als nicht in Kalifornien die kühnsten Visionen ausgebrütet wurden, sondern im Chile Salvador Allendes, der mit Hilfe der neuen Technologie eine gerechte und doch effiziente Volkswirtschaft ausklügeln wollte. Dafür holte er den britischen Kybernetiker Stafford Beer nach Santiago, der ein System des Datenaustausches zwischen den verschiedenen ökonomischen Ebenen des Landes entwickeln sollte. Nun hängt sein Modell neben Karschnia im HAU und sieht entwaffnend klein aus.

Dass Beers „System“ heute Erfolg hätte, darf bezweifelt werden, aber allein der Gedanke, dem Netz einen anderen Sinn einzupflanzen als nur eine in sich selbst zirkulierende Kommunikationsplattform zu sein, die wenige Großkonzerne superreich macht, besticht. Dass die hochleistungsfähige Technologie weit unter ihren Möglichkeiten genutzt wird, bringt die drei Gesellschaftsforscher ins rasende, rasante, ungeschützte Diskutieren.

In den Armen des Netzkraken

Kann es im großen Freiraum des Netzes überhaupt Kontrolle geben? Ist kontrollieren dasselbe wie beherrschen? Ist unser Kopf die einzige Mitte? Und was nützt alle digitale Kommunikation, wenn die analoge Welt so unberührt ungerecht bleibt wie je? Gute Fragen, mit denen die drei sich immer tiefer in den wabernden Netzkraken hinein robben und ihm langsam, redend von innen her Kontur geben.„Ich lenke, also bin ich“, ruft Karschnia einmal geistesblitzartig und ist damit auch schon nahe an der zweiten, produktiv verwickelten Performance.

Auch Christiane Kühl und Chris Kondek (Doublelucky Productions) schauen in „The Hairs Of Your Head Are Numbered“ introspektiv auf das Netz und nähern sich durch 2500 Jahre Geistesgeschichte hindurch ihrem Objekt der Begierde: dem „Ich“. Dafür haben sie einen Parcours ins HAU2 gebaut, der barocke Theaterelemente mit Biotechnologie verbindet. Performer und Zuschauer bewegen sich durch ihn, während Freiwillige ihren Puls messen und auf Leinwände projizieren lassen. Es ist die große Selbstversuchs-Show, in der Kühl und Kondek die Geschichte der Selbsterkenntnis durchbalancieren − immer auf Messers Schneide zwischen Sachlichkeit und Zynismus. 

Vom Orakel von Delphi über die Erfindung der „Stoffwechselwaage“ um 1600 zu den „MicroexpressionAnalysisApps“ heute, beschreiben und demonstrieren sie an sich selbst die Sinuskurve dessen, was aktuell oft „Selbstermächtigung“ genannt wird, tatsächlich aber nichts anderes ist, als eine Selbstentmächtigung zugunsten biometrischer Profiling-Apps.
Wann schlug Selbsterkenntnis um in Delegierung des Selbst an objektivierende Normierungstabellen? Subtil einlullend manipulieren Kühl und Kondek uns durch Aufklärung und Verblendung. Wo wir landen, entscheiden wir.

Im Rahmen von „Spy on Me“ läuft „You are Out There“ von Doublelucky Production, noch bis 25.2., tgl. 19Uhr im HAU2 Tel: 25900427 oder hebbel-am-ufer.de