Berlin - Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft“, das sagt man so. Und große Geschenke? Die können zwiespältig sein, machen mitunter Probleme. Man nehme nur die Bilderschenkung des verstorbenen Cornelius Gurlitt (Schwabinger Kunstfund 2012), des unglückseligen Sohnes von Hitlers Kunsthändler Hildebrand Gurlitt an das Berner Kunstmuseum vor vier Jahren. Eine Task Force, dann weitere Kunstforscher waren und sind bis heute befasst mit der Provenienz.

Die unlängst von Barbara Göpel (1922–2017), Kunsthistorikerin und Sammler-Witwe, so reich mit Beckmann-Bildern beschenkten Staatlichen Museen zu Berlin haben es sehr ernst genommen. Man hat den Hintergrund der Gemälde, der 42 Zeichnungen – das Kupferstichkabinett besaß bislang lediglich sechs Beckmann-Zeichnungen – und 52 Druckgrafiken überprüft. Jeglicher Verdacht, es könne sich gar um NS-Raubkunst handeln, scheint momentan ausgeräumt. Kein spektakulärer Fall also, der gemeldet werden müsste. Dabei war der 1966 verstorbene Kunsthändler Erhard Göpel auch einer jener Männer, die seinerzeit für das sogenannte Führer-Museum Linz unterwegs waren.

Kunsthändler Göpel und Beckmann waren befreundet

Mit Max Beckmann, geboren 1884 in Leipzig, gestorben 1950 in New York, aber verband den Wahlmünchner Göpel nicht nur die Leipziger Herkunft, sondern nachweislich auch eine Freundschaft. So widersprüchlich das auch erscheinen mag – der Händler bewunderte den von den Nationalsozialisten gehassten Maler. Göpel sammelte privat vor allem Papierarbeiten des Verfemten und nutzte die Kunsttransporte des Sonderauftrags, um heimlich Beckmanns Bilder von dessen erstem Fluchtpunkt Amsterdam nach München zu dessen Galeristen Franke zu schaffen.

Durch Verkäufe konnte so zumindest Beckmanns Existenz finanziell gesichert werden. Und vieles hatte Göpel, nach 1945 Lektor beim Prestel Verlag, selber gekauft. Er versteckte die Blätter und Bilder bei sich zu Hause vor der Feme und veröffentlichte nach dem Krieg die Monografien „Max Beckmann der Zeichner“ (1954) und „Max Beckmann in seinen späten Jahren“ (1955). Im gleichen Jahr gab er Beckmanns Tagebücher (1940–1950) heraus und schrieb etliche Aufsätze. 1953 war Göpel Mitbegründer der Beckmann Gesellschaft, war beteiligt am Katalog der Gemälde, den seine Witwe 1976 mit der Beckmann-Gesellschaft 1976 herausbrachte. Barbara Göpels Vermächtnis nun bestand in der Schenkung an die Berliner Nationalgalerie und das Kupferstichkabinett. Beckmanns schwermütiges „Selbstbildnis in der Bar“ von 1942 etwa füllt nun eine schmerzhafte Lücke im Bestand . Das Bild ersetzt, was die Nationalgalerie 1937 durch die NS-Aktion „Entartete Kunst“ verlor: Beckmanns weltbürgerhaftes, fast arrogantes „Selbstbildnis im Smoking“, 1927.

Neue Ausstellung erzählt widersprüchliche Geschichte Erhard Göpels

Die düstere (Amsterdamer) Bar-Szene ist Melancholie pur. Schwarz die Konturen, dunkel die Verschattung der Augen, tief die Augenringe, ungesund fleckend die Haut, die Hand als Geste der Ratlosigkeit an der Wange, der Arm schwer aufgestützt. Selbst die unvermeidliche Zigarre glüht nicht mehr. Und links, welch eine Exil-Metapher, das eiserne Ziergitter. Aber gerade dieses „Ersatzbildnis“ ist eine – postume – Wiedergutmachung durch Barbara Göpel. Offensiv, ohne äußeren Druck, hatte sie sich durch die Freundschaft mit dem Berliner Museumsmann Eugen Blume entschlossen, die Sammlung ihres widersprüchlichen Ehemannes zu schenken. Einzige Auflage: Es solle in Berlin eine Ausstellung geben, die die ganze Geschichte erzählt, die NS-Verstrickung Göpels und auch dessen andere Seite: Er konnte durch seine Beziehungen 90 jüdische Restauratoren und Rahmenbauer vor der Deportation bewahren.

Beckmanns Zeichnungen, auch das „Bildnis Erhard Göpel“ von 1944 in Öl, gemalt im Amsterdamer Exil, belegen eine gewisse Nähe und auch Vertrautheit. Der pyknische Händler im dunkelblauen Maßanzug wurde von Beckmann keineswegs als Nazi-Lakai dargestellt, indes auch wenig schmeichelhaft – mit spärlichem Haar, verfettetem Kinn und Händen wie Pranken.
Göpel hat erlesen gesammelt. Das wird im Kulturforum deutlich. Chronologisch sind die Kapitel von Beckmanns Jugendbildern bis zu denen des Amsterdamer Exils arrangiert. Die Rötelzeichnung „Mein Arm“, 1900, ist eine Hommage des erst 16-jährigen Beckmann an Dürer anno 1500. Die Epidermis, die Adern sehen aus wie gefaltetes Pergament. Zeichnungen mit Motiven zu Musterung und Fronteinsatz ab 1914 haben eine fast religiöse, zugleich schneidend schmerzerfüllte Ecce Homo-Ästhetik.

Porträts von Gattin Quappi sind lebensbejahend und sinnlich. In den Frankfurter Jahren entstanden die typischen Raumschachtelungen der Figuren. Und viele exzellenten Kaltnadelradierungen verraten den Einsatz eines harten Diamanten statt der üblichen Metallnadel. Berlin hat soeben einen Kunstschatz aus dunkler deutscher Geschichte geerbt.